LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Wynton Marsalis und „Jazz At Lincoln Center Orchestra“ in der Philharmonie

Big Band Sound gibt es bekannterweise in vielen Varianten, was wir in der Philharmonie schon des Öfteren erleben durften. Bodenständige Präzision mit dem „Count Basie Orchestra“, spektakuläre, geistreiche und ironische Exkursionen in eine neue Ära mit Mathias Rüeggs „Vienna Art Orchestra“ oder die experimentellen, avantgardistischen Klänge des „London Jazz Composers Orchestra“ unter Barry Guy, das Angebot an exklusiven, großorchestralen Ensembles in der Philharmonie ist im Vergleich mit den weltweit besten Konzerthäusern als hervorragend einzustufen.

Dass der Trompeter Wynton Marsalis, der einst als Neoboptrompeter bei „Art Blakeys Jazz Messengers“ Furore machte, sich der Wiederbelebung der traditionellen Ära dieser Gattung verschrieben hat, davon konnten wir uns schon vor ziemlich genau zwei Jahren am selben Ort mit gleicher Band überzeugen. Damals standen Werke der US-amerikanischen Kultkomponisten George Gershwin und Duke Ellington im Mittelpunkt des Geschehens.

Raffinierteste Arrangements und Glanzstücke der Jazz-Giganten

Am vergangenen Wochenende warteten die 15 Solisten des „Jazz At Lincoln Center Orchestra“ an gleich zwei Abenden mit stilprägenden Klassikern aus der Goldenen Ära der Big Bands mit bestbekannten Standards, quer durch die Geschichte der Glanzzeit des Jazz auf, die das nostalgische Comeback dieser Tradition aus einer Zeit, in der Jazz mit populärer U-Musik gleichgestellt war, bestens dokumentierten.

Seine Verbundenheit zu seiner Heimatstadt New Orleans, und damit logischerweise zu dem ersten internationalen Jazzstar Louis Armstrong, bekundete Marsalis in Quartettbesetzung mit einer längeren Version einer stilistisch, eindrucksvollen Demonstration der Anfangszeiten der Jahrhundertmusik. Experten waren sich einig, schon allein diese Intro wäre der Besuch dieses Konzerts wert gewesen.

Aber bei dieser glanzvollen Soiree waren offensichtlich nur Höhenpunkte programmiert. Die wundervolle Ballade „I Can’t Get Started“ von Vernon Duke sowie die bestens kombinierte Auswahl raffiniertester Arrangements über Glanzstücke der Giganten Duke Ellington, Thelonius Monk und Dizzy Gillespie, interpretiert mit der unübertrefflichen technischen Sicherheit und handwerklichen Unfehlbarkeit des becircenden großorchestralen Klangkörpers bewirkten pausenlose Euphorie für die zahlreich erschienenen Liebhaber des Genres.

Restlos begeistertes Publikum

Einen exquisiten, konzertanten Leckerbissen boten die Elitemusiker mit der Ouvertüre zu der Operette „Candide“ aus der Feder Leonard Bernsteins, dessen Geburtstag sich im August zum 100. Mal jährt.

Das legendäre Ambiente des „Minton’s Playhouse“ zu Monks besten Zeiten und der zeitgenössische Pioniergeist der Veteranen der damals revolutionären Musikrichtung waren durch die Kompositionen des skurrilen Pianisten ständig präsent, Ellington wurde mit seinem „jungle sound“ geehrt und die fesselnde Kombination kubanischer Rhythmik und dem gewaltigen Soundkaleidoskop der kompakten Bläsertuttis im Wechsel mit den unkomplizierten, aber grandiosen Soloeinlagen ließen durch die markanten, zeitlosen Arrangierraffinessen die magische Aura der Hochburgen des Jazz wieder aufleben. Mit kraftvollen, kontrastreich angelegten Fragmenten aus Bernsteins „West Side Story“ als Zugabe belohnte das vielumjubelte Ensemble das von der ersten Soiree restlos begeisterte Publikum.

Besonders die Liste amerikanischer Big Bands, die mit dem Namen ihres Leaders verbunden sind, ist lang. Neben Ellington und Count Basie beherrschte in den 1930er Jahren die große Formation des Klarinettisten Benny Goodman die Szene, in der temporär der Jazz großen Einfluss auf die globale Musikentwicklung ausübte.

Vor 80 Jahren, am 16. Januar 1938, eroberte Goodman die bedeutende, bis dato nur klassischen Konzerten vorbehaltene, Carnegie Hall mit einem sensationellen, bisher in der Geschichte der Unterhaltungsbranche noch nie da gewesenen, monumentalen Spektakel.

Nach der erfreulichen Annonce, dass das mit 60 Minuten angesagte Konzert des 2. Konzertevents auf zwei Sets von je 45 Minuten ausgedehnt würde, eröffnete, genau wie damals, das „Jazz At Lincoln Center Orchestra“ die spannende Revue mit dem Ohrwurm „Don’t Be That Way“, wobei gleich die charakteristische Stilistik, der Charme und die Eleganz des federnden Sounds der Swingära, vorgetragen mit absoluter Perfektion und atemberaubender Präzision, in die adäquate Stimmung versetzen vermochte.

Einer der ersten Höhepunkte der unvergesslichen Soiree war aber die Interpretation des Gershwin-Evergreens „The Man I Love“ in Triobesetzung mit dem virtuosen Ted Nash, der die Rolle der Klarinette als Combo-Leadinstrument in den prächtigsten Farben demonstrierte. Für die Freunde der Klarinette präsentierte sich der Abend als Feuerwerk der Superlative in puncto Reichtum der verschiedensten Ausdrucksformen und des typischen Klangcharismas des Holzblasinstruments.

Stimulierende Abende jenseits von allen Experimenten

Natürlich durften bei der Marathonperformance der Hommage an den „King Of Swing“ die bewährten Original-Fletcher-Hendersonarrangements, die berühmte Count Basienummer „One o’Clock Jump“, oder das ergreifende „Goodbye“, das Leroy Jenkins in den 1930 Jahren als „closing theme“ für das Benny Goodman Orchestra schrieb, und die berühmten instrumentalen „battles“ in „Sing, Sing, Sing“, nicht fehlen.

Zwei stimulierende Abende jenseits von allen Experimenten, die einem jeden diese Musik auf spannende, unvergessliche Art nahezubringen vermochten.

Zu erwähnen ist aber auch noch die symphatische Geste seitens der Organisatoren und der vielbeschäftigten Band, zwischen den beiden Themenabenden am Samstagnachmittag noch ein edukatives Intermezzo unter dem Motto „Jazz For Young People“ mit dem Thema „Who is Duke Ellington?“ einzubauen.