LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

„Jazz At The Philharmonics“ am Mittwochabend

Während 40 Jahren, von 1944 bis 1983 organisierte der amerikanische Produzent Norman Granz mit einigen Unterbrechungen weltweit die Jazzkonzertserie „Jazz At The Philharmonics“ (JATP), die anfangs gedacht war, um den Jazz aus den zwielichtigen Clubs und verräucherten Kellerspelunken in die großen Konzertsäle zu locken und damit populärer und hauptsächlich salonfähig zu machen.

Musikalischer Vortrag

Am Mittwochabend hatte das Publikum die Gelegenheit, ein Revival dieser Institution im großen Auditorium der Kirchberger Philharmonie zu erleben. Wenn ein vielversprechender Jazzabend gleich mit einem ausgedehnten musikalischen Vortrag des Altmeisters Joe Lovano beginnt, der mit seiner überzeugenden Kunst der stilistischen Vielfalt besticht, und die einzelnen Solisten anschließend ihre Visitenkarte mit ausdrucksstarken Soli präsentieren, steht dem Genuss eines abwechslungsreichen Konzerts voller Erwartungen nichts mehr im Weg.

Natürlich waren im Sinne der Tradition der legendären JATP-Sessions der 1940er und 50er Jahre die weltbekannten Evergreens der Jazzliteratur angesagt, die es jedem der einzelnen Solisten ermöglichte, ihre Spezialitäten bei einem ausgewählten Titel in sessionartiger Manier zu verarbeiten. So war nach einer gefühlvollen Einleitung des Ohrwurms „Autumn Leaves“ oder „Les Feuilles Mortes“ des Gitarristen Biréli Lagrène schon der Luxemburger Trompeter Ernie Hammes an der Reihe, der diesmal auf dem Flügelhorn sein Gespür für publikumswirksamen Erfolg mit ausgefeiltem technischen Know-how und kultivierter Phrasierung bewies. Danach folgte schon der erste Höhepunkt der Soiree, als der amerikanische Trompeter Ambrose Akinmusire mit der bekanntesten Komposition von Thelonius Monk „ Round About Midnight“ mit seiner ausdrucksstarken, originellen Stilistik und seiner ungewohnten Blastechnik, die seinen Soli ein besonderes Ambiente verleihen, überzeugte.

Halsbrecherische Phrasen

Die beiden Saxofonisten Joe Lovano und Stefano Di Battista beeindruckten wie gewohnt mit virtuosen, halsbrecherischen Phrasen, die bei Altist Di Battista hörbar an die großen Meister der Be Bop-Bewegung à la Charlie Parker bis Phil Woods erinnern, während bei Tenorsaxofonist Joe Lovano eher die experimentelle Ader der Pioniere des Modern Jazz wie John Coltrane und Sonny Rollins eine große Rolle spielen. Das ehemalige Wunderkind Biréli Lagrène, in den späten 1970er Jahren weltweit als Nachfolger Django Reinhards gefeiert und später durch seine Exkurse in den Bereich des Rock-Jazz im Rampenlicht, zeigte seine Vorliebe für den Formsinn der Veteranen der Jazzgitarre mit feinem melodischem Spürsinn und ausgereiften Harmoniefolgen in den Balladen des abwechslungsreichen Programms.

So standen viele bekannte Ohrwürmer voller Melancholie des zeitgenössischen Mainstreamjazz im Mittelpunkt, neben „Stompin’ At The Savoy und Cherokee“, den idealen Ausgangspunkten für ausgedehnte Jam Sessions, wo natürlich wie erwartet die obligaten Quatre-Einlagen der Solisten mit den beiden vorzüglichen Schlagzeugern Franck Agulhon und Jeff Ballard nicht fehlen durften. Eine besonders schöne Einlage lieferte die französische Tenorsaxofonistin Sophie Alour mit einer äußerst kultivierten, gut konstruierten Improvisation von „J’ai deux amours“, wobei besonders ihre lyrische Spielweise und ihre warme Sonorität im Kontrast zu den rasanten virtuosen Ausbrüchen ihrer beiden Saxofonkollegen bestachen.

Kontrabassist Thomas Bramerie untermalte das farbige Geschehen diskret aus dem Hintergrund, überzeugte durch intensiven Drive und anspornende Basslinien während der Leiter Eric Legnini sachlich seiner Rolle als sicherer Begleiter gerecht wurde und gegen Ende der Soiree ein stimmungsgerechtes Intro zum absoluten Muss des Balladenrepertoires „Body And Soul“ lieferte.

Grammysieger in der Philharmonie

Ebenfalls im Strom der Tradition gestaltet sich der Klassiker „A Night In Tunisia“ aus der Feder von Dizzy Gillespie, wo die beiden Trompeter durch spektakuläre Soli glänzten. Kontrastreicher kann der stilistische Unterschied von zwei Solisten nicht sein, was viel zum kurzweiligen Ablaufs des Jazzevents beitrug, das sich auf fast drei Stunden hinzog. Star des Abends war ohne Zweifel der amerikanische Saxofonist Joe Lovano, der erst am Sonntag einen „Grammy“ in der Kategorie „Bestes improvisiertes Jazzsolo“ für sein Solo in „Recorda Me“ aus der Produktion „The Latin Side Of Joe Henderson“ entgegen nehmen konnte. Sicher haben die zehn Akteure mit dem kurzweiligen Programm und ihren beeindruckenden Soli einen wichtigen Schritt getan, die Rolle des Jazz aufzuwerten und einem breiten Publikum noch schmackhafter zu machen.