COLETTE MART

Der Sommer ist traditionsgemäß eine Zeit der Besinnung und des Rückblicks, was wir in den vergangenen Jahren als Land richtig oder falsch gemacht haben.

Als die Flüchtlingsströme aus den kriegsgeschüttelten Syrien, sowie aus zahlreichen armen Ländern Afrikas Europa uns vor neue Herausforderungen stellte, hat unser Land sein Herz und seine Grenzen nicht verschlossen.

Mittlerweile gibt es eine kulturell aktive syrische Gemeinschaft in Luxemburg, und die Programmierung des Konzertes „Hymne au Printemps“ im hauptstädtischen Theater dokumentierte, dass wir für die Kriegsflüchtlinge das getan haben, was zu tun war. „Hymne au Printemps“ wurde vom syrischen Kulturzentrum hier in Luxemburg organisiert, und das „Ornina Syrian Orchestra“ brachte sowohl professionelle Sänger und Musiker, als auch Flüchtlinge auf die Bühne.

Dem Publikum öffnete sich eine andere Welt; das Kulturland Syrien wurde in zahlreichen bewegenden Bildern auf die Bühne projiziert, die Zerstörung von Menschen und Kulturlandschaften wurde dargestellt, und gleichzeitig wurde klassische arabische Musik gespielt, als Hymne an den arabischen Frühling, der in Vergessenheit geriet.

Das Konzert setzte demgemäß wichtige politische Akzente. Es zeigte, dass über das Flüchtlingselend hinaus Menschen aus anderen Ländern uns auf jeden Fall kulturell bereichern, dass sie neue Wege der Kommunikation und der Zwischenmenschlichkeit suchen, dass die Musik uns durchaus zusammenbringen kann, und dass wir uns alle bewusst sein sollten, dass die Weltgemeinschaft die Zerstörung des Kulturlandes Syriens nicht aufgehalten hat. Das Konzert setzte dem Klischee des gewalttätigen Islam etwas entgegen, zeigte die zahlreichen Facetten der Musik, der Architektur und des emanzipatorischen Bestrebens in arabischen Ländern, und regte demgemäß auch zum Nachdenken über verpasste Chancen im interkulturellen Dialog ein.

In einer Zeit, in der wir viel Zeit in moderne Medien und technologische Kommunikation investieren, gehen die Möglichkeiten des Zusammenseins in einem gemeinsamen kulturellen Erlebnis oft verloren. Die syrische Gemeinschaft schaffte die Integration, brachte sich kulturell in unserer Gesellschaft ein, und gibt uns allen Chancen, der interkulturellen Kommunikation näher zu kommen.

Trotz alldem zeigt sich gerade in diesen letzten Wochen wieder der Mensch, unter anderem der Europäer, von seiner besten und schlechtesten Seite. In einer Zeit, in der die Flüchtlingsströme an die grundsätzliche Frage der Menschenrechte in Europa rühren, in der immer mehr Informationen über die Versklavung afrikanischer Flüchtlinge in Libyen, oder über deren extreme Ausbeutung auf den Obst- und Gemüseplantagen Südeuropas zu uns dringen, sollte der Sommer die Zeit des Nachdenkens sein, wie wir als Europäer mittelfristig mit den afrikanischen Flüchtlingen umgehen sollen. Wir müssen uns unserer historischen Verantwortung und unserer Schuld auf dem schwarzen Kontinent bewusst sein, wir müssen die Menschenrechte hochhalten, wir müssen soziale Mindeststandards für alle sichern, und das wird uns gar nicht so teuer zu stehen kommen, wie es von Rechtspopulisten gerne und immer wieder behauptet wird.