Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Antragstellerin dem Neger freiwillig hingegeben hat. Gegen eine solche Annahme spricht vor allen Dingen der Ruf der Antragstellerin und ihrer Familie.“ Im November 1945 war R.M. von einem schwarzen U.S.-Soldaten vergewaltigt worden, viele Jahre später beschäftigte das Verbrechen die Oberfinanzdirektion Nürnberg. R.M. hatte einen Antrag auf Ausgleichszahlungen gestellt - wie Tausende deutscher Frauen, die im Zuge des Krieges und während der alliierten Besatzung ein Kind zur Welt gebracht hatten, das gegen ihren Willen gezeugt worden war; nicht von einem Russen, sondern einem Angehörigen der westlichen Streitkräfte.
Bis in die jüngste Vergangenheit beherrschte öffentliches Bewusstsein und Geschichtsschreibung die Darstellung, es seien nahezu ausschließlich sowjetische Soldaten gewesen, die in Heerscharen über deutsche Frauen herfielen und sie in Massen vergewaltigten. Tatsächlich verübten Mitglieder der Roten Armee Zehntausende solcher Verbrechen und traumatisierten Hunderttausende Frauen. Wie zuvor Tausende Wehrmachtssoldaten Hunderttausende osteuropäische Frauen geschändet hatten. Beides war bekannt und wurde bisweilen auch für Propagandazwecke instrumentalisiert; es passte in das Freund-Feind-Schema der Blockkonfrontation: Hier die Schokolade und Bonbons verteilenden GIs, dort die brandschatzenden und vergewaltigenden Rotarmisten.
Auch die Westalliierten gehörten zu den Tätern
Tatsächlich jedoch machten sich auch die Westalliierten sexualisierter Verbrechen schuldig, und es waren mitnichten betrübliche Einzelfälle. Vielmehr gibt Miriam Gebhardt nun erstmals eine Ahnung vom Ausmaß der menschlichen Tragödie, die sich auch in Westdeutschland zutrug. Ob Amerikaner oder Franzosen oder Briten - auch Angehörige dieser Streitkräfte verübten massenhaft Verbrechen an der Zivilbevölkerung, und wieder einmal waren es vor allem Frauen und Mädchen, die Opfer der Exzesse wurden.
„Als die Soldaten kamen“ bricht mit einem weitgehend tabuisierten Thema und schildert, wie die Vergewaltigungsopfer zusätzlich Opfer einer Bürokratie und gesellschaftlichen Moral wurden, die ihr allzu oft keinen Glauben schenkten. Bewusst verzichtet die Autorin weitgehend auf Berichte von Betroffenen - auch, weil eine Befragung die Gefahr einer erneuten Traumatisierung berge. Stattdessen bedient sich die Historikerin vor allem Behörden- und Gerichtsakten, welche den oft langwierigen Kampf der Frauen um eine kleine finanzielle Anerkennung ihres Leids spiegeln.
Diese Verfahren setzten die Opfer meist erneut einem demütigenden Prozedere aus. Galten die Opfer vielen Männern ohnehin schon als „entehrt“, wurden sie nun häufig dem Verdacht ausgesetzt, sich aus freien Stücken auf ihre Schänder eingelassen zu haben; wie glaubhaft ihre Darstellungen waren, entschied sich auch an der Einschätzung, als wie gesittet die Frauen eingeschätzt wurden. Eine Frau, die bereits ein uneheliches Kind geboren hatte, bevor sie vergewaltigt wurde, brauchte sich kaum mehr Hoffnung machen, dass man ihr Glauben schenken würde.
Deutschlands Schreibtischtäter wieder im Einsatz
In diesen Kapiteln tritt er wieder massenhaft auf - der deutsche Schreibtischtäter, dessen kaltherziges Wirken eine wesentliche Voraussetzung dafür war, dass ein Menschheitsverbrechen wie das des Holocaust bürokratisch perfekt funktionieren konnte.
Miriam Gebhardt relativiert weder die Verbrechen der Nationalsozialisten noch die der Roten Armee. Problematisch sind ihre Berechnungen, wie viele Menschen mutmaßlich Opfer von Vergewaltigungen wurden. Hier verrennt sie sich in Rechenexempeln, die den Leser verwirren und deren Ergebnisse wenig belastbar sind. Dabei hätte es dieser Zahlen - sie geht von mindestens 860.000 vergewaltigten Deutschen aus - gar nicht gebraucht; weil auch ohne diese hinreichend deutlich geworden wäre, dass es sich um keine Einzelfälle handelte. Und weil jede einzelne Tragödie eine zu viel ist.
Viele der geschändeten Frauen und Mädchen setzten ihrem Leben ein Ende. Und mancherorts, vor allem im Osten Deutschlands, kam es gegen Ende des Krieges zu Massensuiziden. Davon erzählt eine weitere Neuerscheinung: „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“, lautet der beklemmende Titel des Buchs von Florian Huber. Auch der Nürnberger Historiker bricht mit einem Tabu. Denn während die Welt vom Selbstmord Adolf und Eva Hitlers umgehend erfuhr und auch der erweiterte Suizid des Joseph Goebbels Gegenstand ungezählter Abhandlungen ist, blieb „Der Untergang der kleinen Leute 1945“, so der Untertitel von Hubers Werk, bislang weitgehend im Dunkeln.
Größter kollektiver Suizid in Deutschland
Dabei hatte Goebbels einen nicht unerheblichen Anteil daran, was sich Ende April, Anfang Mai 1945 im kleinen Städtchen Demmin zutrug. Dort nahmen sich binnen weniger Tage Tausende Menschen das Leben. In Scharen stürzten sie sich in den Fluss, erhängten oder erschossen sich. Es war der mutmaßlich größte kollektive Suizid in Deutschland, und folgt man Bauer, dann war sie auch der von Goebbels geschürten Panik vor der russischen Gewalt geschuldet. Allerdings stellt der Historiker auch klar, dass zu jenem Zeitpunkt bereits viele Exzesse der Roten Armee ausreichend Anlass geboten hatten, tatsächlich mit dem Schlimmsten zu rechnen.
An vergangenen Freitag wurde der Kapitulation Deutschlands gedacht. Ein Datum, den der kürzlich verstorbene Bundespräsident Richard von Weiszäcker in seiner Rede vom 8. Mai 1985 als einen „Tag der Befreiung“ bezeichnete. Unmittelbar vor diesem Tag setzten Zehntausende ihrem Leben ein Ende, Hunderttausende wurden in den Tagen davor und in den Wochen und Monaten danach Opfer von Vergewaltigungen. Das relativiert nicht die Schuld Hitler-Deutschlands, aber einmal mehr zeigt sich, dass noch nicht alle Kapitel des Krieges erzählt wurden.
Florian Huber, Kind, versprich mir, dass du dich erschießt - Der Untergang der kleinen Leute, Berlin Verlag 2015, 304 Seiten.
Miriam Gebhardt, Als die Soldaten kamen - Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs, DVA 2015, 352 Seiten.



