LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Zuhälterinnen im Rampenlicht: Mis(s)treated ist Lis Dosterts Debütwerk

Nach drei Jahren an der Schauspielschule in Paris hat Lis Dostert (24) aus Lorentzweiler im Rahmen ihrer Abschlussarbeit ihr erstes eigenes Theaterstück geschrieben. Unterstützt von ihren Freundinnen hat sie sich an ein heikles Thema gewagt: Menschenhandel und Prostitution. Aus der Feder der jungen Künstlerinnen ist ein Stück entstanden, das mit einer Mischung aus schwarzem Humor und Seriosität den Zuschauer zu begeistern weiß. Nachdem Mis(s)treated in Paris und Avignon aufgeführt wurde, werden vom 19. bis 22. Dezember die Besucher des hauptstädtischen „Théâtre du Centaure“ in den Genuss von Lis Dosterts Debütwerk kommen. Wir haben uns mit der Autorin unterhalten und einiges über Gestaltungsprozess und Reflexionsebene ihres Stücks erfahren.

Um was geht es bei Mis(s)treated?

LIS DOSTERT Ich wollte Fragen um Menschenhandel und Prostitution in den Vordergrund stellen. Die drei Hauptfiguren des Stücks sind weibliche Zuhälter. Es ging mir darum, über dieses Thema hier in der westlichen Welt zu informieren und den Charakter des Zuhälters zu umreißen. Was geht in solchen Menschen vor? Die Thematik ist noch immer recht heikel, sodass ich es als Komödie leichter zugänglich machen wollte. Über etwas zu lachen verhindert nicht, dass man auch darüber nachdenkt. Natürlich ist die Ernsthaftigkeit des Problems ebenfalls erkennbar. Auch die Zuhälterinnen, die menschenverachtend handeln, sind selbst früher Opfer von Misshandlungen gewesen, sodass da eine gewisse Zweischneidigkeit mitschwingt. Dazu kommt, dass das Verhältnis von Menschen zu Geld und Macht bei der Zuhälterei ausschlaggebend ist. Auch die Frauen im Stück sind von ihrer Geldgier getrieben. Ich wollte die Frage aufwerfen, wie das Verhältnis zu Geld in unserer Gesellschaft zu deuten ist.

Wie behandelt das Stück die Geschlechterfrage?

LIS Im Menschenhandel oder in der Rotlichtszene regieren meist die Männer. In meinem Stück sind es aber gerade Frauen, die als Zuhälter wirken. Diese Umdrehung fand ich überaus interessant und wollte so darauf hinweisen, dass es auch Frauen in solchen Rollen gibt. Ich als Frau finde das erschreckend, dass es Frauen gibt, die anderen Frauen und Kindern so viel Gewalt antun. Dem Stück gibt diese Rollenverschiebung anfangs eine gewisse witzige Atmosphäre. Man erwartet den harten Kerl, der den Zuhälter mimt, und dann betreten drei Frauen die Bühne, die sich selbst in ihrem Metier sehr ernst nehmen. Nach und nach wird aber gerade dieser Umstand, dass sich Frauen in so einem Beruf betätigen den unbequemen Aspekt der Geschichte darstellen. So wird die Botschaft des Stücks deutlich verstärkt. Dazu kommt, dass Theaterrollen vorwiegend für Männer verfasst werden. Ich als Frau wollte aber ein Stück für Frauen schreiben, und damit auch für mehr Frauen im Theater ein Zeichen setzen!

Fiel Dir das Schreiben leicht?

LIS Da ich das Stück für zwei Freundinnen und mich geschrieben habe, war es nicht zu schwierig, die Rollen unseren Charakteren anzupassen. Ich wusste ja, wer welche Stärken hat und konnte dies gut mit einbauen. Im September 2016 habe ich begonnen, das Stück zu schreiben und habe es zwei Jahre lang immer wieder überarbeitet und verbessert. Manchmal saß ich tagelang am Schreibtisch, aber es kam auch vor, dass ich mal weniger Zeit hatte. Die Proben oder Aufführungen haben mir auf jeden Fall immer geholfen, das Stück runder zu gestalten.

Wer spielt bei Mis(s)treated mit?

LIS Alle Schauspieler der Purple Soup Crew kenne ich von der Pariser Schauspielschule. Wir drei Mädchen, Sixtine, Anna und ich, spielen die Zuhälterinnen und Jeffrey mimt unseren Butler. Auch sie finden das Thema außergewöhnlich und originell und mögen die etwas absurde Dynamik, die im Stück zum Tragen kommt.

Wie kam es dazu, dass ihr in Edinburgh aufgetreten seid?

LIS Wir wollten das Stück nicht nur in unserer Schule aufführen, sondern es auch im Ausland bekannt machen. Wir haben uns dann für einen Auftritt auf einem schottischen Festival beworben und sind da glücklicherweise angenommen worden. Es war eine tolle Erfahrung, aber auch sehr anstrengend. Nach dem Stück haben wir uns mit dem Publikum unterhalten und vorwiegend gutes Feedback erhalten. Die Leute schätzen sehr, dass man einerseits richtig lachen kann, andererseits aber auch zum Nachdenken angeregt wird. Unter den Zuschauern war auch eine Frau, die selbst als Call-Girl arbeitete. Sie war neugierig, wie auf der Theaterbühne mit dem Thema umgegangen wird. Anfangs dachte sie, dass Witze darüber vielleicht verletzend wirken könnten. Aber sie fand das Stück Klasse, hat uns sehr gelobt und uns zum Weitermachen motiviert. Das war eine tolle Kritik!

Kann das Stück mit dem Tabu Menschenhandel brechen?

LIS Ich hoffe, dass die Menschen durch das Stück ein Bewusstsein für die Problematik entwickeln und verstehen, dass auch politische Machtmenschen mit am Werk sind. Ich weiß nicht, ob viele Leute jetzt von sich aus aktiv dagegen tätig werden, aber vielleicht werden sie sich, wenn sich die Gelegenheit ergibt, für Aufklärung und Verbesserung einsetzen, auch wenn sie nicht selbst betroffen sind.

Wie geht es jetzt für die Purple Soup Crew weiter?

LIS In Edinburgh haben wir Amerikaner getroffen, die an einer Produktion mit uns interessiert sind. Durch die Einnahmen von unseren Aufführungen werden wir unsere Reise nach Amerika finanzieren. Wie sich die Zusammenarbeit genau gestalten wird, steht aber noch offen. Die Thematik selbst wird in Amerika bestimmt auch auf viel Interesse stoßen. Das ist unser nächstes Ziel! Ansonsten versuchen wir, noch in anderen Ländern Fuß zu fassen und weiter auf Festivals zu spielen.

Aufführungen vom 19.-22. Dezember, Beginn 20.00; im Théâtre du Centaure in Luxemburg-Stadt


Tickets unter: www.weezevent.com/misstreated