CORDELIA CHATON

Der 15. Mai ist in Luxemburg der Tag der Diversität, ganz offiziell. Das schmückt eine Gesellschaft, die so heterogen ist wie die Luxemburger, mit zahlreichen Nationalitäten und Sprachen, Hautfarben und Religionen, Kulturen und Erfahrungen. Aber woher kommt eigentlich der Begriff, der in der Öffentlichkeit immer öfter auftaucht?

Eigentlich ist er der Soziologie oder Sozialpsychologie entlehnt und bezieht sich auf die Anerkennung von Vielfalt in vielen Ausprägungen, sei es mit Blick auf die Kultur, das Alter, das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, Behinderung oder Religion. Damit ist der Begriff wesentlich weiter gefasst als Gender, es geht also um weit mehr als nur Geschlechterunterschiede.

Diversität wurzelt als Konzept in der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA. Andere Minderheiten übernahmen es. In den 60er Jahren kamen immer mehr gesetzliche Verpflichtungen im Arbeitsrecht auf, um Chancengleichheit zu schaffen. In den 90ern wurde Diversität zum Thema im Management, es gab erste Beauftragte, vor allem bei multinationalen Konzernen. Im gleichen Zeitraum tat sich auch politisch etwas.

Die Europäische Union erklärte Diversität zum Leitbild. Länder wie Frankreich, Belgien, Deutschland, Italien, Spanien, Schweden, Österreich, Polen, Finnland, Irland und Estland haben in den letzten Jahren eine Charta der Vielfalt aufgestellt. Luxemburg tat dies als neuntes Land. Die Erfahrungen in den Ländern sind positiv, was den Nutzen für das Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt betrifft.

In Luxemburg gibt es die „Charte de la Diversité“ mit sechs Punkten, die Unternehmen unterzeichnen können. Alle zwei Jahre werden „Diversity Awards“ überreicht, Beispiele für Good Practice und Besuche der Integrationsministerin bei verschiedenen Unternehmen und Institutionen gehören zu den Informationen einer spezifischen Webseite. Das alles ist gut.

Doch wer morgens auf eine Pressekonferenz geht und dort ausschließlich weißen Männern um die 50 gegenüber sitzt, die über Diversität in ihrem Unternehmen sprechen, der ahnt, dass es noch ein langer Weg ist. Vinciane Istace, Communications and PR Leader sowie Partnerin bei PwC Luxemburg, setzt sich dafür ein. „Diversität ist nichts natürliches. Inklusion verlangt nach Plan. Diversität ist eine lange Reise“, weiß sie.

Vielleicht hat sie auch schon von jenem Rotary Club im Süden des Landes gehört, der stolz darauf ist, dass dort keine Frauen Mitglieder sind und bislang herausgehalten wurden - entgegen den Regeln der internationalen Charta.Eventuell ist es auch jemandem aufgefallen, dass der 2002 vom CID femmes eingeführte „girls´ day“, 2006 umgetauft in „girls´ day, boys´ day“, dieses Jahr einfach unter den Tisch gefallen ist. Hunderte von Menschen zwischen 12 und 20 Jahren werden keine Berufe kennen lernen.

Gelebte Vielfalt ist schwierig. Der 15. Mai ist ein Tag, um daran zu denken. Merkwürdig ist, dass Diversität noch immer nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als etwas Neues betrachtet wird.