SIMONE MOLITOR

Der Druck, stets politisch korrektes Verhalten an den Tag zu legen, wird nicht selten zu einer echten Herausforderung. Das Regelwerk der „Political Correctness“ hat sich nämlich inzwischen zu einem dicken Schmöker mit vielen absurden Passagen entwickelt. Wenn es um den Sprachgebrauch geht, sollte die Zunge im Zaum gehalten werden, schließlich könnte man in irgendein Fettnäpfchen treten. Sensibel genug, zu wissen, welche Ausdrücke es tunlichst zu vermeiden gilt, sofern man bestimmte Gruppen von Menschen nicht verletzen möchte, dürfte wohl jeder von Natur aus sein. Ob das nötige Feingefühl dann auch ausreicht, um das Mundwerk unter Kontrolle zu halten, ist wiederum abhängig von der Mentalität des Eigentümers dieses Mundwerks. Wehe dem, dessen Lippen heutzutage noch der Ausdruck „Neger“ entfährt. Schiefe Blicke sind das mindeste, was er für dieses Unwort, das als stark diskriminierend gilt, erntet. Nicht umsonst sind auch Negerküsse beziehungsweise Mohrenköpfe aus den Regalen verschwunden und wurden durch Schokoküsse ersetzt.

Eskimo darf man bekanntlich auch nicht mehr sagen, weil es übersetzt so viel wie „Rohfleischesser“ bedeuten soll. Stattdessen geht jetzt von Inuit (oder Inuk in der Einzahl) die Rede. Ähnlich erging es dem Zigeuner: Politisch unkorrekt! „Sinti“ oder „Roma“ soll man stattdessen wählen, womit jedoch längst nicht alle einstigen „Zigeuner“ einverstanden sind. Übrigens wurde sogar der Zigeunerschnitzel im Zuge dieser Diskussion in manchen Restaurants in „Paprikaschnitzel“ umgetauft.

Nachdem Schulbücher politisch korrekt umgeschrieben wurden, ging es schließlich der Kinderliteratur an den Kragen. Pippi Langstrumpfs Vater wurde zum „Südseekönig“ oder einfach nur „König“, obwohl er lange Jahre „Negerkönig“ war. Aus „Negersprache“ wurde in Astrid Lindgrens Werk „Taka-Tuka-Sprache“. Die nachträgliche Sprachreinigung wirft natürlich urheberrechtliche Fragen auf und wird von manchen gar als Vergehen an der Literatur bewertet. Es ist ein schwieriges Pflaster. Die Frage, wie weit man gehen soll oder darf, wenn man erst einmal angefangen hat, ist gerade in Sachen Literatur schwierig.

Aber nicht nur da. Ein Beispiel? Ist der Begriff „Homo-Ehe“ eigentlich politisch korrekt? Oder vielleicht doch etwas diskriminierend? Der Bequemlichkeit halber wurde er von Journalisten und Politikern querbeet in den vergangenen Monaten genutzt, als das entsprechende Gesetz zur Debatte stand. Gegenstand dieses Gesetzes war die Reform des Eherechts, die mit der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare einherging. Die korrekte Formulierung von dem eigentlichen Thema hätte nun aber in keinen Titel gepasst und darüber hinaus für die eine oder andere gebrochene Zunge gesorgt. „Homo-Ehe“ ist platzsparender und sagt sich leichter. Die Titel, die zwei Medienhäuser in ihren jeweiligen Blättern nun aber wählten, um darüber zu berichten, wann und wo das erste homosexuelle Paar sich nach Inkrafttreten des Gesetzes am 1. Januar traut, sind doch etwas skurril: „Erste Homo-Ehe Luxemburgs“ beziehungsweise „Erste Homo-Ehe in Differdingen“. Die Schlagzeile klingt fast so, als würde sie einen Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde nach sich ziehen. Ein Fall fürs gewetzte Fallbeil der politisch korrekten Zensoren? Irgendwann mit Sicherheit.