LUXEMBURG
MARCO MENG

Luxemburgs Wirtschaft strebt Richtung 4.0

Im vierten Quartal 2017 verzeichnete das luxemburgische Bruttoinlandsprodukt (BIP) praktisch eine Stagnation, mit einem Rückgang von -0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das gesamte vergangene Jahr zeigt damit ein Wirtschaftswachstum von 2,3 Prozent, wie das Statistikamt gestern mitteilte. 2016 waren es 3,1 Prozent. Was also tun, damit das Wachstum stabil bleibt und nicht nachlässt?

Antworten auf diese Frage präsentierte gestern der luxemburgische Industrieverband Fedil der Presse und anschließend auf seiner Generalversammlung, zu der auch der Wirtschaftsminister geladen war.

„Wir glauben an Ideen“, sagte Fedil-Präsident Nicolas Buck, „an Entwicklung, Wissenschaft und Technologie“, wozu die Fedil eine Achse herstellen möchte zu den heimischen Betrieben. Diese leiden heute schon darunter, nur sehr schwer qualifiziertes Personal zu finden, und das wird mit dem derzeit stattfindenden digitalen Wandel nicht besser. Die Fedil zählt 650 Mitgliedsunternehmen mit zusammen rund 100.000 Beschäftigten und feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum mit dem Motto „Gemeinsam sind wir 4.0“.

Beim globalen Bild ist sich der Industrieverband sicher, dass sowohl die EU wie auch Luxemburg beim Handelsstreit mit den USA sorgsam damit umgehen müssen, „wie wir reagieren“. Denn „wir haben hier mehr zu verlieren als zu gewinnen“, sagte René Winkin, Generalsekretär des Verbands.

Luxemburg braucht Wachstum

Auf Luxemburg selbst bezogen betonte Winkin, dass das Land und sein Sozialmodell Wachstum brauche, was auch niemand ernsthaft infrage stellen würde. Die Frage sei, wie man „qualitatives Wachstum“, also die Produktivität in Bezug auf Ressourcen und Arbeit erreiche. Kreislaufwirtschaft kann laut Fedil genauso wenig ein Hin zu neuem Tauschhandel sein wie ein Wachstum ohne Verkehr, ohne Grenzgänger, ohne steigenden Bedarf an Wohnraum möglich sei. „Es sei denn, wir wollen nur Briefkastenfirmen“, gab Buck zu bedenken. Man dürfe nicht statisch, sondern müsse realistisch denken.

Qualifiziertes Personal ist das A und O

Was die Suche nach qualifiziertem Personal betrifft, erläuterte Winkin das Problem an einer einfachen Statistik - die der Studierenden. Hier oder im Ausland studieren luxemburgische Residenten oder aus Luxemburg Kommende zwar mehr Ingenieurswissenschaften, was zu begrüßen sei. Die totalen Zahlen aber sind ernüchternd: Gerade einmal 300 von insgesamt 25.000 Studierenden haben sich zum Beispiel derzeit Informatik als Studienfach ausgesucht.

Zwar studieren rund 6.600 Wirtschaftswissenschaften, doch Buck spricht klar aus: „Nicht Ökonomen treiben Innovationen an, sondern Ingenieure, Physiker, Chemiker.“ Letztere beispielsweise seien nötig für den Energiewandel, den jeder wolle. Momentan stößt der Energiemarkt aber weitgehend auf nationale Grenzen, weshalb der Industrieverband auf das Zustandekommen eines echten EU-Binnenmarkts auch im Energiesektor hofft. „Wir brauchen mehr Binnenmarkt statt Protektionismus“, so der Verband.

Da es Luxemburg nicht schaffen wird, selbst die nötige Zahl an Fachpersonal bereitzustellen, die gebraucht werde, müssten auch in Zukunft große Teile davon aus dem Ausland angezogen werden. Und weil Verkehr ohnehin ein Problem ist und in Zukunft Digitalisierung und Automatisierung an Bedeutung gewinnen, stelle sich mehr denn je die Frage nach der Ausweitung von Telearbeit von zuhause aus. Hier taucht das Problem der Besteuerung auf - denn Luxemburg solle weiterhin wegen seines Nettolohns attraktiv bleiben -, wobei die Fedil die Möglichkeit von 50 Arbeitstagen im Jahr für Grenzgänger von zuhause aus begrüßen würde. Der hohe Nettolohn sei auch für die Unternehmen gut, so Winkin, denn dadurch könnten sie hier leichter Mitarbeiter finden. Derzeit arbeitet die EU auch an einer Reform des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes.

„Braucht heute ein luxemburgischer Betrieb IT-Fachleute, wird er kaum welche finden“, sagte Buck. Ein Problem, das nicht Luxemburg allein habe. Auf die Aussage von Infrastrukturminister François Bausch, es mache keinen Sinn, Firmen hier anzusiedeln, die dann doch nur Grenzgänger beschäftigten, meinte Buck, damit stelle der Minister Luxemburgs Wirtschaft in Frage: „Bausch verkennt die Qualität der luxemburgischen Betriebe, deren Personal zu 80 Prozent aus Transfrontaliers besteht.“ Die Kunden luxemburgischer Firmen seien zudem ebenfalls zu 90 Prozent im Ausland.

Auf der Generalversammlung des Verbands wurden gestern Guus Boekhoudt (Guardian), René Elvinger (Cebi), Karim Michel Sabbagh (SES) und Jean Lucius (Encevo) aus dem Fedil-Vorstand verabschiedet. Katiana Iavarone (Guardian) und Ferdinand Kayser (SES Video) wurden neu in den Verwaltungsrat gewählt.