ESCH/BELVAL
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„Looss alles eraus“: Wie sich Jugendliche ihre Gedanken und Emotionen von der Seele tanzen

Wir machen beim Tanzen doch keine Fehler!“, behauptet einer der Jugendlichen voller Überzeugung. „Nein, wir machen keine Fehler“, antwortet Sylvia Camarda, „und wenn, dann mit Style!“ Die Stimmung im Rocklab in Esch/Belval ist ausgelassen und gut. Im Proberaum befinden sich ungefähr 20 Jugendliche, die aussehen und sich benehmen wie Teenies: grüne Haare, schimmernder Lipgloss, hippe Kleider und aufregende Freundschaften. Zudem zwei Coaches. Auf der einen Seite David Galassi, eine der luxemburgischen Hip-Hop-Legenden und bekannt durch De Läb, nimmt im Rahmen dieses Projektes die Rolle des Rap-Coach ein. Im Umgang mit den Jugendlichen bleibt er gelassen und authentisch.

Auf der anderen Seite Sylvia Camarda, eine der wohl bedeutendsten luxemburgischen Tänzerinnen und Choreografinnen, die die Jugendlichen in diesem Bereich coacht. Sie hat die Situation im Blick und die Jugendlichen im Griff. Galassi betritt das helle Zimmer: „Na, alles cool bei dir?“, fragt er einen der Jugendlichen und hält ihm die Faust hin. Der auf dem Boden Sitzende presst seine Faust an die Galassis: „Nee, kein Bock!“, meint er. Normale, rebellische Teenies. Doch hinter diesem Anschein versteckt sich durchaus mehr.

Musik für mehr Selbstvertrauen und persönliche Reflexion

Sarah Bergdoll von der Fondation EME erklärt, dass das Projekt „Looss alles eraus“ entstanden sei, um den Jugendlichen aus der Jugendpsychiatrie Robert Schuman die Möglichkeit zu geben, ihre Gefühle, Gedanken und Emotionen auszudrücken und ihre Erlebnisse einem Publikum vorzustellen. „Was ist dafür besser geeignet als Rap und Tanz?“, meint sie, und erklärt, dass die Jugendlichen seit 2016 an entsprechenden Workshops teilnehmen können. Die jungen Persönlichkeiten haben sich das Projekt selbst ausgesucht, sind also freiwillig hier. In den letzten sechs Monaten haben sie sich wöchentlich getroffen, um an ihren Tänzen oder Texten zu feilen. „Es geht darum, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und ihnen die Musik mit auf den Weg zu geben, um sich auszudrücken“, erklärt Bergdoll. Im Gespräch mit den Jugendlichen kommt diese Philosophie gut zum Vorschein. Lucie (14) ist eine dieser Jugendlichen. Sie erklärt, dass sie den Zuschauern ihre persönliche Geschichte und ihre Tiefen im Leben vortanzen möchte: „Am Anfang war es schwer, mich zu öffnen, aber jetzt, wenn ich meine Geschichte vortanze, befreit mich das sehr und ich fühle mich besser.“ Tatjana ist 17 Jahre alt und rappt. Ihre Lieder hat sie alle selbst geschrieben und mit David Galassi optimiert. Bereits vor einigen Jahren hat sie angefangen, ihre Gedanken und Gefühle für sich aufzuschreiben. Als sie vom Projekt „Looss alles eraus“ erfuhr, hat sie sich schnell dafür interessiert, ihre französischen Texte zu veröffentlichen. „In meinen Texten geht es um mein Leben und über das, was ich schon alles durchmachen musste. Es war nicht immer einfach, aber das Schreiben hilft mir, mich zu reflektieren und mir bewusst zu werden, wer ich bin“, erzählt sie. Ein wichtiger Aspekt dieses Projekts ist für Tatjana zudem, dass sie andere Leute mit ihrer Geschichte ermutigen und ihnen vielleicht sogar helfen kann.

Elsa ist 19 Jahre alt, spielt Ukulele und schreibt ihre eigenen Lieder auf Englisch: „Meine Lieder handeln von Themen, die mich beschäftigen. Zudem helfen sie mir, meine Gedanken zu ordnen und mich mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen, um sie zu bearbeiten.“ Seit zwei Jahren spielt sie ihr Saiteninstrument und erzählt, dass das Projekt „Looss alles eraus“ ihr dabei geholfen habe, sich immer wohler dabei zu fühlen, wenn sie ihre Musik einem Publikum vorstelle. Ihr Traumberuf ist es, Musiker zu werden: „Das Projekt hat mir nicht nur neue Freunde gebracht, sondern mir auch öfters die Möglichkeit gegeben, auf der Bühne zu stehen. Ich liebe diese kreative Arbeit, sie gibt mir viel Selbstvertrauen. Für meinen Auftritt bin ich zwar etwas aufgeregt, aber hauptsächlich empfinde ich große Vorfreude.“

Herausfordernde Arbeit mit motivierten Jugendlichen

Die Berichte der Jugendlichen darüber, inwiefern die Musik ihnen bei der Bewältigung ihrer Probleme hilft, wird von Camarda unterstützt: „Wir arbeiten mit Jugendlichen zusammen, die sehr viel zu erzählen haben. Durch die Kunst lernen sie, sich auszudrücken, ohne sich dafür zu schämen. Sie bearbeiten durch dieses Projekt Themen aus ihrer Umwelt und lassen dabei alles raus.“ Die Arbeit mit den Teenagern aus der Jugendpsychiatrie kann zudem sehr herausfordernd sein, wie sie weiter erklärt: „Die jungen Menschen, die hier sind, haben einen anderen Background als die, die von zu Hause kommen und einen geregelten Tagesablauf inklusive liebende Eltern haben.“ Die Rolle des Erziehers nimmt die Choreografin jedoch nicht ein: „Ich bin froh, dass ich Künstlerin bin, da ich mit ihnen auch dementsprechend umgehen kann. Ich nehme sie als Künstler wahr und spreche auch sehr offen mit ihnen über ihre Probleme. Wenn einer von ihnen einen Text geschrieben hat, der das Thema Ritzen behandelt, ermutige ich ihn auch, dass er den Zuschauern durch bestimmte Bewegungen genau dieses Ritzen zeigt. Es ist wichtig, dass sie ehrlich mit sich sind.“

Da es sich um die letzte Ausgabe von „Looss alles eraus“ handelt, hat man sich noch etwas Besonderes überlegt. „Für diese dritte Auflage wurde mit einem Beatmaker gearbeitet, also mit einem musikalischen Künstler, der die Beats für die einzelnen Lieder komponiert. Es handelt sich hier um Cehashi, einen preisgekrönten Produzenten. Es war uns wichtig, dass die Jugendlichen ihre eigenen Kompositionen bekommen“, erklärt Galassi, „jeder hat seinen eigenen Beat, das ist für sie äußerst toll und motiviert sie sehr.“

Wer die Jugendlichen und ihre vielfältige, emotionale und erstaunliche Show sehen will, sollte sich die einmalige Gelegenheit nicht nehmen lassen, sich am 25. April in den Club der Rockhal auf Esch/Belval zu begeben. Showstart ist um 20.00, der Eintritt ist frei.