FARO/LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Unterwegs mit zwei neuen AMG-Modellen im Süden Portugals

Der Typ mit der verspiegelten Sonnenbrille beugt sich zum Seitenfenster meines Testwagens herunter und meint „Driving Licence, please“. Ups, irgendwie erinnert es an einen schlechten Krimi, so grimmig schaut mich der Ordnungshüter an. Wo war ich denn jetzt zu schnell? Hoffentlich nimmt er Kreditkarten, falls er ein Bußgeld haben will. Ich steige aus, um an meinen Führerschein auf dem Rücksitz zu kommen. Der Herr von der GNR, der portugiesischen Gendarmerie, geleitet mich hinters Auto zum Straßenrand, während sein Kollege den nachfolgenden Verkehr anhält und sich dann auch zu uns gesellt.

Was wird das hier? Bin ich über eine rote Ampel gerauscht? Und dann kommt eine unverhoffte Frage: „How much horsepowers?“ Hä? Das Klischee von den technikverliebten Verkehrspolizisten Südeuropas erhält gerade eine eindrucksvolle Bestätigung.

Der zweite Gendarm läuft um das Auto herum und betet ganz ehrfürchtig die drei magischen Buchstaben herunter: „A! - EMM! - JE!“ Man hört jedes Ausrufezeichen. Im Klartext: „AMG“ - die einstige Tuningschmiede und heutige Sportmarke von Mercedes-Benz. Es tut mir fast leid als ich den beiden Gendarmen erklären muss, dass dieser AMG nur ein kleines Exemplar mit 367 PS ist. Es handelt sich bei diesem Testwagen um einen C 450 AMG 4matic, das zweite Sportmodell das AMG in diesen Tagen in der Algarve der internationalen Motorpresse vorstellt. Am Vormittag waren wir noch mit dem absoluten Spitzenmodell, dem C 63 S, unterwegs. Da hätten die beiden Gendarmen über 510 PS Leistung staunen können.

Zum Ende der Verkehrskontrolle, die sich nur um Leistungsdaten und Kaufpreis drehte, macht mir der zweite Gendarm, der wenig Englisch spricht per Handzeichen klar, was er von mir erwartet. Also eingestiegen, den Motor angelassen und dann das Fahrprogramm „Sport“ gewählt. Dem kräftigen Tritt auf das Gaspedal folgt, unter den wohlwollenden Blicken der Staatsmacht ein brachialer Blitzstart, dank geöffneter Auspuffklappen von tiefem Donnergrollen untermalt.

Ein getarnter Rennsporttourenwagen

Dabei hört sich der V6 des 450er noch relativ zivil an, die gleiche Übung mit dem V8 Spitzenmodell C 63, erst recht mit dem Spitzenmodell C63 S führt in der nächsten Erdbebenwarte zu messbaren Ausschlägen. Insbesondere der C 63 S ist nichts anderes als ein getarnter Rennsportwagen. Ganz besonders in der Ausführung als T-Modell, also als Mercedes-Kombi. Hinten die Kindersitze und vorne ein brüllender V8, der die Fuhre in vier Sekunden auf 100km/h beschleunigt. Auch Familienmenschen können jetzt Porsche hetzen.

Rennstrecke im Nirgendwo

Während der Episode mit der Gendarmerie testen die Kollegen die Rennsportqualitäten des C 63 S auf dem Autodromo Internacional Algarve unter der Anleitung des mehrfachen DTM-Champions Bernd Schneider. Runde um Runde tasten sie sich an den Grenzbereich heran. Bei ausgeschaltetem ESP muss irgendwann das leicht schwänzelnde Heck durch leichtes Gegenlenken wieder eingefangen werden. Hier macht sich der klassische Heckantrieb des AMG bemerkbar.

Man sollte an dieser Stelle auch ein Wort über das Autodromo verlieren. Eine perfekte Rennstrecke mit kompletter Infrastruktur im absoluten Nirgendwo - eine Stunde von Faro und fast drei Autostunden von Lissabon entfernt. Im Laufe des Jahres verirren sich nur fünf oder sechs Rennsportveranstaltungen dort hin. Der politische Journalist im Autotester grübelt kurz über die Verschwendung von 200 Millionen Euro öffentlicher Mittel nach, lässt es dann aber sein, den Kollegen den Spaß zu verderben.

Ein Sechs- zwei Achtzylindermodelle

Die Dörfer im Hinterland der Algarve sind nach portugiesischen Maßstäben wohlhabend, aber ein bisschen verschlafen. Während wir uns dank der luxemburgischen Wintertemperaturen bei 16°C schon richtig frühlingshaft fühlen, bevorzugen die Portugiesen Schals und dicke Wollpullover angesichts der „Kälte“. Interessant ist, dass es hier noch etliche Autos gibt, die aus unserem Straßenbild schon lange verschwunden sind. Ab und zu taucht ein R 4 auf, ausgesprochen häufig ist der Opel Corsa A zu sehen. Die Landwirte setzen alle auf Toyota-Pickups. Die Luxussportler aus dem schwäbischen Affalterbach wirken hier schon wie von einem anderen Stern.

Learjet oder F-16?

In diesem Hügelland macht sich auch der Unterschied zwischen den Achtzylindern C 63 und C 63 S einerseits und dem Sechszylinder C 450 mit dem Mercedes-Allradantrieb 4matic deutlich bemerkbar. Trotz der geringeren Leitung von nur 367 PS, gegenüber 476 bzw. 510 PS, ist der kleine 450er das rundere, das ausgewogenere Auto. Der leichtere V6-Motor, ein Dreiliter Aggregat mit Doppelturbo, und der Allradantrieb sorgen für ein ganz präzises Fahrverhalten und einen unheimlichen Kurvenspaß.

Die beiden Achtzylinder-Modelle, mit Vierliter Aggregaten mit Doppelturbo, sind dagegen nervöse Fahrmaschinen, trotz aller zu wählenden Fahrprogramme. Wobei die Variante mit 467 PS sicherlich gut auf der Autobahn aufgehoben ist, enge Landstraßen sind nicht unbedingt sein Terrain. Der 63 S mit 510 PS ist der Wagen für Leute, die gerne mit ihrem Auto kämpfen und die Schnellfahren wirklich als Sport begreifen. Für einen überzeugten Cruiser ist der Motor zu nervös und das Fahrwerk zu hart, selbst in der Comfort-Einstellung, wird das Fahrprogramm „Race“ einstellt, sollte wissen wie fest seine Plomben sitzen. Der Mercedes-AMG C 63 S ist perfekt für Sportwagenfahrer, die überraschend zu Frau und Kind gekommen sind, oder Sportwagenfahrerinnen, die einen großen Kofferraum brauchen. Der 450er gleicht einem Learjet, der C 63 S ist die erdgebundene Version eines Kampfjets à la F-16. Unsere Empfehlung ist der kleine Mercedes-Benz C 450 AMG 4matic, am besten als Kombi.

AMG betritt mit dem C 450 Neuland und will sich so breitere Kundenschichten erschließen, obwohl man mit dem C 63 Version der Vorgängerbaureihe 204 schon einen echten Bestseller mit 20.000 verkauften Exemplaren hatte.