CORDELIA CHATON

Luxemburg stellt sich immer gern als Musterschüler in Sachen Pestizide hin. Schließlich ist hier seit vier Jahren der Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln auf öffentlichen Flächen per Gesetz verboten. Und auch bei Glyphosat, dem bekanntesten und umstrittensten Pflanzenschutzmittel, ist es Vorreiter. Denn ab Januar 2021 ist die Verwendung von Glyphosat hier im Land für alle landwirtschaftlichen und den privaten Sektor verboten. Klingt toll.

Um so heftiger fällt die Kritik aus, die der Europäische Rechnungshof nun übt - übrigens nicht nur an Luxemburg, sondern auch an anderen EU-Ländern. Er hatte untersucht, welche Maßnahmen der EU in Sachen Pestizide bislang erfolgreich waren. Das Ergebnis ist mehr als ernüchternd.

Denn die Prüfer auf dem Kirchberg stellten fest, dass der Fortschritt bei der Messung und Verringerung von Risiken im Zusammenhang mit der Verwendung von Pestiziden begrenzt ist. Mehr noch: Zwei Mitgliedsstaaten hatten eine EU-Richtlinie vom Jahr 2009 zur nachhaltigen Verwendung von Pestiziden, die in nationales Recht umgesetzt werden muss, 2012 noch immer nicht in Paragraphen gegossen. Einer davon war Luxemburg, das prompt ein Verfahren kassierte. Für Landwirte gibt es nur wenig Anreize, alternative Methoden einzuführen. Und zu welchen Risiken die verwendeten Pestizide führen, weiß kein Mensch so genau - auch die EU nicht. Zahlen fehlen sowieso.

Wohlgemerkt: Wir reden nicht über ungefährliche Stoffe, sondern über Insektizide, Fungizide und Herbizide, Stoffe, auf deren Behältern regelmäßig Warnzeichen mit Totenschädeln auftauchen. Stoffe wie Metazachlor, die sich in Gewässern wiederfinden und die als krebsauslösend gelten. Stoffe wie DDT, das seit den 70er Jahren verboten ist und immer noch nachgewiesen wird. Wir reden über sie in einer Zeit, in der der Insektenbestand um 80 Prozent geschrumpft ist, darunter nicht nur Schädlinge, sondern auch Bestäuber wie Bienen und andere.

Es ist eine Milliardenindustrie mit entsprechender Lobby. Allein die zigtausend Prozesse um das Neonikotinoid Glyphosat zeigen, wie umstritten und gefährlich sie sind. Laut dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung schädigen moderne Pestizide die Insekten schon in 100-fach geringerer Dosis als bei der Zulassung angegeben.

Es macht wenig Sinn, wenn die EU versucht, die Menschen zu schützen, und die Regierungen nicht mitziehen. Die Idee, erst dann auf Pestizide zurück zu greifen, wenn andere Methoden oder Prävention nicht wirken, ist einleuchtend. Die EU setzt sich auch für eine Verwendung von Pflanzenschutzmitteln mit geringem Risiko ein. Aber bislang sind von 487 solcher Mittel lediglich 16 zugelassen. Ein Schelm, wer an die Lobbyisten denkt.

Gut ist, dass die Prüfer konkrete Ratschläge geben wie den, die Anwendung des integrierten Pflanzenschutzes auf Betriebsebene zu überprüfen oder die Möglichkeit vorzusehen, den integrierten Pflanzenschutz mit Zahlungen im Rahmen der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik zu verknüpfen. Es ist gleichzeitig eine Ohrfeige und eine Steilvorlage für die Politik. Mit einer klaren Ansage: Das Feld bleibt ein Tatort.