LUXEMBURGCHRISTIAN BLOCK

André Schoellen über die kriminologische Arbeit des Archäologen

Die Arbeit des Archäologen ist mit vielen Vorurteilen behaftet. Weder handelt es sich um Schatzjäger, noch um „Buddeler“, die wochenlang in Sand- und Erdlöchern rumwühlen. Im Gespräch mit André Schoellen, dem Archäologen und Verantwortlichen des „service de la carte archéologique“ des „Centre national de recherche archéologique“,

Archäologen „buddeln“ nicht, sie graben aus

„Diese Arbeit ist vergleichbar mit der eines Kriminologen, der Spuren sichert“, sagt André Schoellen. Anhand der Indizien aus dem Boden versucht der Archäologe herauszufinden, wie die Menschen zu einer bestimmten Zeit gelebt haben.

Es geht darum, den Kontext zu erfassen, wie es in der Vergangenheit ausgesehen hat. Die Funde sind das, was für andere Wissenschaften schriftliche Quellen sind. In der Archäologie gibt es deshalb eine Reihe an Disziplinen, die sich auf das Lesen dieser oft stark in Mitleidenschaft gezogenen Quellen spezialisiert hat: Archäobotanik, Anthropologie, Epigraphie, Numismatik, Typologie sind nur einige der Spezialgebiete.

Zwei Drittel Büroarbeit

Ein Großteil der Arbeit verbringt der Archäologe entgegen der allgemeinen Vorstellung im Büro. Historisches Kartenmaterial wird ausgewertet und verortet, Objekte von Fundstellen gesäubert, getrocknet, restauriert, identifiziert und klassiert. Hinzu kommt, dass potentiell für den Archäologen interessante Gebiete und Fundstellen für die Nachwelt und weitere wissenschaftliche Studien punktgenau in einer Datenbank sowie auf der archäologischen Karte festgehalten werden.

Das geübte Auge kann allerdings auch draußen oder auf dem für jedermann einsehbaren Geoportal die Grundrisse römischer Villen oder Straßen erkennen. „Allerdings nur einen Bruchteil der archäologischen Stellen erkennt man so leicht aus der Luft“, sagt Schoellen. Hilfsmittel wie das LIDAR, helfen dabei, auch Wälder oder schwer zugängliches Gebiet einzusehen.

Der Historiker, der in Straßburg Archäologie studierte, hat lange Zeit für die „Administration des Ponts et Chaussées“ gearbeitet und dort, in der Entstehungszeit von „A1“, „Collectrice du Sud“ sowie der Saarautobahn präventive Archäologie betrieben, bevor die Bagger rollten. Dabei werden systematisch „Fensterchen“ ausgehoben, die einen probenartigen Einblick in eine große Fläche geben.

Schiffe versenken

Das Ganze funktioniert ein wenig nach dem Prinzip „Schiffe versenken“. Je mehr „Treffer“ gelandet werden, umso größer das archäologische Potenzial. Das Ergebnis dieser jahrelangen Arbeit: Viele bisher unbekannte Fundstellen konnten entdeckt werden.

Wichtig ist, dass die Ausgrabungen als „dokumentierte Zerstörung“ und nach wissenschaftlichen Kriterien vorgenommen werden. Der Vorgang der Ausgrabung ist die einzige Chance, Spuren, Überreste und Objekte zu bergen und aus ihnen möglicherweise wichtige Rückschlüsse für die Geschichte zu ziehen.

„Die Archäologen stehen einer Raumplanung grundsätzlich nicht feindlich gegenüber, selbst wenn sie die Zerstörung von archäologischen Fundstellen bedingt. Voraussetzung ist jedoch, dass letztere rechtzeitig vor Baubeginn fachmännisch untersucht und für die Nachwelt dokumentiert werden“, sagt André Schoellen.

„Mehrere tausend Fundstellen hat das CNRA landesweit dokumentiert. Allerdings stehen weniger als 0,5 Prozent aller bekannten Fundstellen unter Denkmalschutz beziehungsweise im „Inventaire supplémentaire““. Mehr als zwei Drittel aller Fundplätze seien noch unbekannt, weil sie von Schwemmschichten oder Vegetation bedeckt sind. „Es ist nicht nur im Interesse der Archäologie, sondern der Raumplaner, im Vorfeld von großflächigen Bauprojekten systematisch archäologische Sondierschnitte durchführen zu lassen.

Einerseits können auf diese Weise unbeabsichtigte Zerstörungen vermieden und andererseits die Gefahr sehr kostspieliger Baustopps erheblich verringert werden“.

Archäologie kann man übrigens auch auf ehrenamtlicher Basis betreiben. Die Hobbyarchäologie müsse allerdings immer unter der Kontrolle der CNRA stattfinden. Expeditionen auf eigene Faust sind nicht möglich, es handelt sich um eine Wissenschaft mit einer konkreten Deontologie, wie die „Convention de La Valette“, die auch Luxemburg ebenfalls unterzeichnet hat.