TRIER
CHRISTINE MANDY

„Steppenwolf“-Inszenierung in Trier und Luxemburg

Die derzeit aufgeführte Theater-Adaption von Hermann Hesses Klassiker „Der Steppenwolf“ schien unter keinem guten Stern zu stehen. Erst musste die Premiere vom 28. Januar aus Krankheitsgründen auf den 31. Januar verschoben werden, dann hieß es vor der Vorstellung am 17. Februar auch noch, Matthias Breitenbach, einer der beiden Schauspieler, die den Protagonisten Harry Haller darstellen, sei aufgrund einer Knieverletzung bei seiner Tätigkeit auf der Bühne eingeschränkt. Das aber hat Breitenbachs schauspielerischer Leistung und dem Stück insgesamt keinen Abbruch getan.

Intensive Auseinandersetzung

Die deutsch-luxemburgische Koproduktion unter der Regie von Anna-Elisabeth Frick hat es verstanden, die Essenz des Werkes aufzugreifen und kreativ umzusetzen, was angesichts der wenigen Handlungsstränge und der theoretisch-philosophischen Gestalt der literarischen Vorlage keine einfache Aufgabe ist. Sie bietet keine absolut textgetreue, chronologische Nacherzählung. Vielmehr werden dem Publikum häppchenweise die wichtigsten Aspekte präsentiert, angefangen bei der Kritik am Bürgertum, den „Unsterblichen“, über die Auseinandersetzung mit Goethe und dem Faust- und Wertherstoff bis hin zu der Grundthematik, nämlich der existenziellen Krise Hallers und dem Zwiespalt zwischen dem bürgerlich-menschlichen und dem triebhaft-wölfischen Anteil seiner Seele.

Ein entscheidender Fehler wird dabei nicht begangen: Die Darstellung wird weder auf eine Depression reduziert, noch auf einen von Gesellschaftsekel befallenen Einzelgänger. Auch hat das Stück die Zweifel an der dramaturgischen Umsetzbarkeit des Romans zu beseitigen gewusst.

Mitten im Geschehen

Beispielsweise lässt man den fiktionalen Schauplatz „magisches Theater- nur für Verrückte“ mit dem realen Theater verschmelzen; die Zuschauer werden unmittelbar angesprochen und in die Erzählwelt eingebunden. Auch an anderen Stellen wird mit der Metaebene gespielt und Theater und Publikum zum Inhalt und Objekt der Inszenierung gemacht. So meint Maria, sie habe immer schon eine solche Rolle spielen wollen, und Harry, der gegen Ende hin aufgefordert wird, sich selbst im Spiegel zu betrachten und dabei seinen Blick durch die Reihen schweifen lässt, bemerkt: „Ja, das bin ich!“. In der Tat nämlich besteht sein Selbst nicht nur aus zwei, sondern aus unendlich vielen Seelen, und so ist jeder einzelne Zuschauer potenziell ebenfalls ein Teil von ihm - und umgekehrt. Überhaupt zieht sich das schopenhauerisch-pantheistische Weltbild wie ein roter Faden durch die kurzweilige Vorstellung, indem sie Harry, ebenso wie alle anderen Figuren, in Gestalt einer unterhaltsamen, schrill-schrägen „Schizophrenie“ auftreten lässt. Die Atmosphäre, die dadurch entsteht, wird durch die Musik des Luxemburgers Max Thommes zusätzlich unterstrichen.

Anspruchsvolle 90 Minuten

Das einzige Manko: Wer den „Steppenwolf“ nicht gelesen hat und sich mit der Thematik nicht auskennt, dürfte Probleme haben, dem Stück zu folgen. Nach einer Stunde hohen Anspruches, der viel Konzentration und Aufmerksamkeit vom Publikum fordert, macht sich die erste Unruhe bemerkbar.

Doch hierfür wurde vorgesorgt, denn es folgt das Highlight: Maria in ihrem wunderschönen roten Kleid, wie sie Harry mit einer unkonventionellen Gesangseinlage und ihrem „Vaporetto“ ins sorglose, genussvolle Dasein im Hier und Jetzt entführt und für Unterhaltung beim Publikum sorgt, ganz nach dem Motto des Werkes: Humor statt eitler Selbstmord als einziges Mittel der Erlösung. Mit einem herzhaften Lachen seitens der Figuren werden die Vorhänge geschlossen. Für Harry, der gegen die Regeln des „magischen Theaters“ verstoßen und sich zu ernst genommen hat, heißt es: Neues Spiel, neues Glück.

Wer sich selbst ins „magische Theater“ und auf eine psychologische Entdeckungsreise begeben möchte, hat noch am 5. März in Luxemburg oder am 15. April in Trier die Möglichkeit dazu.

Tickets für die Vorstellung in Trier und in Luxemburg. Infos unter www.teatrier.de