LONDON
HELMUT WYRWICH

Finanzhaus Schroders analysiert den Klimawandel unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten

Es ist egal, mit wem man bei dem internationalen Finanzkonzern Schroders in London spricht, ob mit dem Vorstandsvorsitzenden Peter Harrison oder mit den Chefökonomen Charles Prideaux und Azad Zananga oder mit Analysten. Die Meinung ist einhellig: Es wird erhebliche Regulierungen geben, um die Verhaltensweisen der Menschen zu ändern. Dabei handelt es sich nicht mehr darum, die Klimaveränderungen aufzuhalten, sondern sie zu kanalisieren und durch veränderte Verhaltensweisen einzudämmen. Die Umstellung auf ein „grünes“ Leben bedeutet Veränderungen in allen privaten Lebensbereichen, bedeutet Veränderungen in der Politik, bedeutet Veränderungen in der Wirtschaft und schließlich auch im Finanzwesen.

Grundsatzfragen

Der Londoner Finanzkonzern Schroders hat sich Grundsatzfragen gewidmet. Wie kann man den CO2 Ausstoß eindämmen? Wie kann man dabei gleichzeitig das Wirtschaftswachstum bewahren? Wie kann man die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen, ihre finanzielle Gesundheit, und damit auch den Gewinn und so auch die Ausschüttungen für die Aktionäre sichern?

Schroders beschreibt am Beispiel eines Industrieunternehmens, was die Umstellungen bedeuten. Die Unternehmen kaufen Zertifikate, mit denen Quoten für den Ausstoß von Gasen, insbesondere Kohlenstoffdioxid erworben werden. Kohlenstoffdioxid (CO2) entsteht unter andren in industriellen Prozessen. Größter Emittent dieses Gases, das für die Erderwärmung verantwortlich gemacht wird, ist die Stahlindustrie mit ihren Hochöfen. In Frankreich wird der Stahlkonzern ArcelorMittal als der größte Umweltverschmutzer Europas dargestellt. Einer Zusammenstellung des Finanzkonzerns zufolge gehen die Weltbank, die Organisation für wirtschaftliche Kooperation OECD aber auch die Industrie davon aus, dass der Preis pro Tonne CO2in den kommenden 20 Jahren auf 140 wenn nicht 160 Euro steigen wird. Der Vizepräsident des weltweit größten Stahlkonzerns, Aditya Mittal hat vor zwei Jahren in Paris bereits erklärt, dass dann in Europa wegen der Kostensituation kein Stahl mehr produziert werden kann.

Der Preis der Zertifikate schlägt sich in einem Industrieunternehmen direkt auf die Kosten der Produktion nieder, die verteuert werden wird. Wenn ein Unternehmen diese höheren Kosten nicht durch Veränderungen der Produktion – zum Beispiel Rationalisierungen - auffangen kann, verteuern sich die Produkte. Seine Marktsituation wird sich so verändern. Der Absatz der Produkte geht möglicherweise zurück. Kann das Unternehmen die höheren Kosten intern verarbeiten, bedeutet das andererseits, dass seine Wirtschaftlichkeit zurückgeht, der Gewinn möglicherweise sinkt, die Anteilseigner, die dem Unternehmen über Aktien Kapital zur Verfügung stellen, eine geringere Dividende erhalten. Schroders geht davon aus, dass staatliche Regulierungen den Finanzrahmen eines Unternehmens um bis zu 20 Prozent einschränken können.

Wenn das Risiko steigt, steigen auch die Prämien

Der Finanzkonzern hat die Auswirkungen der Klimaveränderungen auf verschiedenen Ebenen untersucht. Die Versicherungskosten im industriellen und im privaten Bereich werden um bis zu fünf Prozent steigen. Das ist eine der Auswirkungen der merkbaren Veränderungen des Klimas. Windhosen und Tornados zerstören Häuser, Brücken und Wälder. Starke Regenfälle lassen Bäche zu Flüssen anschwellen, die Straßen zerstören, Autos und Häuser mit sich reißen und zu Todesfällen führen. Trockenheit führt andererseits zu Ernte Ausfällen. In allen Fällen werden sowohl die direkt versichernden Gesellschaften als auch die Rückversicherer in Anspruch genommen. Die Folge: Das Risiko steigt und damit auch die Prämien. Aktuell geht Schroders von einer Erderwärmung von 3,8 Grad aus, im wesentlichen zurückzuführen auf fossile Energien. Dabei spielt insbesondere die Förderung von Öl und Gas eine Rolle. Technologische Veränderungen in der Industrie hingegen können zu einem Wachstum von 25 bis 30 Prozent der Unternehmenswertes führen, weil Investoren in Bereiche einsteigen werden, die eine Verbesserung der Umweltsituation zum Ziel haben, beschreibt Schroders Analyst Marc Hassler in einer Studie. Eine direkte Korrelation ergibt sich einer Untersuchung der NASA und des Investmenthauses zufolge zwischen der Emission von CO2 und dem Temperaturanstieg. Ein 1950 erstellter Index stieg von Null auf 140 und tendiert gegen 160. Während der CO2-Ausstoß zunächst regelmäßig ansteigt, und dann seit dem Jahr 2.000 sprunghaft zunimmt, bewegen sich die Temperaturen in einer Zick-Zack-Kurve beinahe parallel.

Die Kohlenstoffdioxid-Belastung wird in einer Untersuchung im Bezug auf die Wirtschaftsleistung pro Kopf in drei Bereiche geteilt. Von 1750 bis etwa 1970 stieg der CO2-Ausstoß bei fast gleichbleibender Produktivität von 0,5 auf 4,5 Tonnen bei fast stagnierender wirtschaftlicher Leistung pro Kopf und pro Jahr an. In einer Periode der „Reife“ sinkt der Ausstoß leicht bis zum Jahr 2000. Allerdings nimmt die wirtschaftliche Leistung pro Kopf von 2.000 Dollar auf 6.000 Dollar zu. Der wesentliche Anstieg erfolgt bis 2018, Jahr, in dem die wirkliche Bewusstseinsbildung im Hinblick auf die Gefahr für die Umwelt stattfindet. Hassler zeichnet drei Szenarien für die Zukunft auf. Wird die derzeitige Situation lediglich weitergeführt, dann könnte der CO2-Ausstoß bis zum Jahre 2040 um etwa 13 Prozent sinken. Bei einer Rückführung der Erd-Erwärmung auf zwei Grad sinkt der Ausstoß um 55 Prozent, bei einer Senkung auf 1,5 Grad würde eine Absenkung des CO2 Ausstoßes um 68 Prozent erfolgen. Dabei soll es möglich sein, die durchschnittliche wirtschaftliche Leistung von derzeit 10.000 Dollar pro Kopf und pro Jahr auf 15.000 Dollar pro Kopf und pro Jahr zu erhöhen. Um dies zu erreichen, braucht es nach Schroders Einschätzungen einen Mix von Regulation und vor allem technologischer Entwicklung, wobei letztere den größten Effekt hätte.

Fokus auf kleine und mittlere Firmen

Hassler lässt bei seiner Beurteilung die demografische Entwicklung außen vor. Das Ansteigen des CO2-Ausstoßes auf 4,5 Tonnen pro Kopf und pro Jahr wird deswegen dramatisch, weil die Welt-Bevölkerung auf acht Milliarden Menschen zusteuert. Der Klimawandel hängt daher nicht wirklich und nicht allein von Europa ab sondern von der Klimapolitik in China, in Indien, in Brasilien. Da der technologische Fortschritt dem Finanzkonzern am vielversprechendsten erscheint, will Schroders seiner Politik einen Schwerpunkt hinzufügen. Das Finanzhaus will sich mit Investitionen in den Private Equity Bereich begeben, sich mithin Firmen zuwenden, die nicht an der Börse notiert sind. Das Segment sollen kleine und mittlere Firmen werden. Schroders will ihre Entwicklung fördern und ihnen mit ihren Produkten auch die nötigen Märkte öffnen. Der Hintergrund: Dort sind die technologischen Ideen, aber dort fehlt häufig auch das Geld zur Ausarbeitung und zur Umsetzung. Das soll sich mit dem Kapital ändern, das Schroders über entsprechende Fonds einsammeln und investieren will.