LUXEMBURG/IDOMENI
MARIA WIMMER

Line Didelot schildert ihre Eindrücke aus dem Flüchtlingslager Idomeni

Line Didelot war eine der fünf Helfer, die mit der Luxemburger asbl „Catch a Smile“ eine Woche in Idomeni waren, um rund 10.000 Flüchtlingen vor Ort zu helfen, die nach der Schließung der Balkanroute in dem Ort an der griechisch-mazedonischen Grenze gestrandet sind. Die 24-Jährige studiert an der Management-Schule ICHEC in Brüssel. Die Gruppe flog von Luxemburg nach Athen, wo sie mit einem Mietwagen Richtung Polykastro fuhr, der nächstgrößeren Stadt, und dort in der Nähe in einem Hotel wohnte. Die Freiwilligen kommen für Flug, Unterkunft und Verpflegung selbst auf. Die Gruppe kam am Dienstag zurück.

Wie sah Eure Hilfe konkret aus?

Line Didelot In der Küche von „Hot Food Idomeni“, einer Großküche, die von britischen Freiwilligen gegründet wurde, haben wir Gemüse wie Kartoffel, Zwiebel oder Auberginen geschält und geschnitten und sehr viel Geschirr gespült. Diese Freiwilligen haben wirklich Außerordentliches geleistet und zudem sehr auf Qualität geachtet. Wir haben mit Kindern gespielt und bei der Essensausgabe geholfen.

Wie leben die Flüchtlinge?

Line Die meisten leben in kleinen Zelten. Sie waren aus Syrien, es gab aber auch Afghanen und Iraker. Im Lager laufen sehr viele Kinder herum, die auch sofort auf dich zukommen, damit du mit ihnen spielst oder sie in den Arm nimmst, das brauchen sie am meisten. Mit den Kindern haben wir viele schöne Momente erlebt.

Wie organisieren die Flüchtlinge ihren Alltag?

Line Sie versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Vor rund zwei Wochen wurde ein „Cultural Center“ eröffnet, wo unter anderem Sprachkurse und Schulunterricht für Kinder angeboten wird. Freiwillige Helfer bieten zum Beispiel Yoga, Bastelkurse und Spiele für Kinder an. Einmal ließen sie Drachen steigen. Flüchtlinge geben Kurse in Englisch, Arabisch oder Mathe. Andere haben einen Falafel-Stand aufgemacht, der von Tag zu Tag größer wurde. Ein anderer hat Leute frisiert und rasiert. Eine syrische Familie hat aus einem alten Fass einen Ofen gebaut, um darauf syrisches Brot zu backen.
Wie gehen sie mit der Situation um?

Line Viele versuchen, die Situation mit Humor zu nehmen. Ich habe großen Respekt davor, wie sie damit umgehen, dass sie in Zelten leben müssen, auch wenn es regnet, windet und hagelt und das Zelt fortfliegen kann. Die Mehrzahl der Menschen, die ich kenne, würden mit so einer Situation nicht umgehen können.

Was erzählen sie von sich?

Line Es gibt viele, deren Frau und Kinder schon in einem anderen Land sind und die hier festsitzen. Sie erzählen davon, wie schön Syrien vor dem Krieg war. Viele regen sich über Angela Merkel auf, weil diese sie eingeladen hätte, nach Deutschland zu kommen und sie jetzt festsitzen. Da wurde ihnen zu viel Hoffnung gemacht. Sie fragen immer wieder, wann die Grenzen wieder aufgehen. Viele wollen einfach nur, dass sie ihre Kinder in Sicherheit sind und in die Schule gehen können. Manche Kinder haben nur den Krieg in Syrien erlebt und noch nie eine Schule gesehen.

Warum gehen die syrischen Flüchtlinge nicht nach Athen zurück und stellen einen Asylantrag?

Line Manche fahren mit dem Bus nach Athen zurück, in der Hoffnung, dass es dort besser ist. Aber dann landen sie eben in einem anderen Lager. Es gibt auch Lager von der Armee, die aber nicht besser sind. Freiwillige Helfer haben nur sehr begrenzt Zugang. Da gibt es keine Angebote für die Kinder und nichts, um die Leute zu beschäftigen. Die sitzen dort seit zwei Monaten fest und haben nichts zu tun.

Welche Perspektive haben die Menschen?

Line Sie warten darauf, dass die Grenzen aufgehen und wissen nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Manche denken darüber nach, nach Italien zu gehen, aber dafür müssten sie wieder Schmuggler bezahlen, ohne zu wissen, ob sie dort lebend ankommen. Sie haben auch Angst, vergessen zu werden.

Hast Du viel Menschlichkeit erlebt?

Line Ja. Wir haben zum Beispiel eine ältere griechische Frau getroffen, die zwei syrische Familien bei sich aufgenommen hat. Wenn man durch das Camp geht, wird man oft angesprochen: Komm zu uns, trink einen Tee mit uns! Das ist etwas, das die Flüchtlinge brauchen, dass man sich Zeit nimmt, mit ihnen lacht und sie wie ganz normale Menschen behandelt. Kurdische Männer haben uns zum Tee eingeladen, mit denen wir dann zu arabischer Musik getanzt haben. Das waren sehr schöne, aber auch schwere Momente. Die Flüchtlinge bekommen dann Gesichter, zeigen dir Bilder von den Städten, in denen sie gewohnt haben, wunderschöne Städte. Einer hat mir ein Bild von Trümmern gezeigt und gesagt: Das war mein Haus.

Wie fühlst Du Dich jetzt?

Line Der letzte Tag war sehr schwer, weil ich mich von Familien verabschieden musste, die ich ins Herz geschlossen habe. Da sind viele Tränen geflossen. Im Flieger dachte ich nur, dass es einfach nicht fair ist, dass ich das Privileg habe, in mein normales Leben zurückzukehren, während sie dort bleiben und nicht wissen, wie es mit ihnen weiter geht. Es ist unglaublich, dass mitten in Europa 10.000 Menschen festsitzen und unter solchen nicht vertretbaren Bedingungen leben.

Hast Du noch Kontakt zu Flüchtlingen?

Line Ja, vor allem zu einer Familie mit drei Kindern, eines davon hat Asthma. Die Mutter hat einen Master in Arabisch, der Vater gibt Englischkurse im Lager. Natürlich denke ich darüber nach, wie ich sie nach Luxemburg holen könnte, das wäre ein Traum, sie hätten ja auch schon Kontakte hier.


www.catchasmile.org