LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über die fünf-Minuten-Grenze

Nur fünf Minuten. Das kostet doch nur fünf Minuten! Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört, wie oft ich mir das selbst schon eingeredet, wie oft mir das von irgendjemandem versprochen wurde. In fünf Minuten muss heute alles abzuwickeln sein. Egal ob Nachrichtenkonsumieren, Sprachlern- und Gehirnjoggingapps, Intensivworkouts, Blitzschminkroutine, Gemüsehobeln, Mikrowellengerichtzubereitung oder das Telefonat mit Omi, fünf Minuten sind die goldene Richtlinie. Und diese fünf Minuten wird man doch wohl immer noch haben am Tag, für den Sport, die Gesundheit, für den Haushalt, für die Omi.

Nur ein kleines Prozent

0,52 Prozent unserer Zeit. So viel sind, wenn ich mal von acht Stunden Schlaf ausgehe, fünf Minuten von insgesamt 16 Wachstunden. Selbst, wenn ich acht Stunden Arbeitszeit abziehe, sind es nach wie vor nur fünf von 480 Freizeitminuten, also gerade mal ein mickriges Prozent.

Die traurige Wahrheit ist, dass ich selbst die nicht zusammenkratzen kann, diese lächerlichen, diese erbärmlichen fünf Minuten. Nicht im Einzelnen und erst recht nicht in der Summe. Das Problem ist, dass fünf Minuten eine derart kurze Zeitspanne darstellen, dass sie kaum fühl- und messbar sind und sich, ehe wir es uns versehen, unverbraucht in nichts auflösen, ohne dass wir sie für irgendetwas Sinnvolles hätten verwenden können.

Wie genau das passiert, in welchen Unterhaltungsapparat sie unbewusster Weise eingeworfen werden, in welcher Wüste sie durch die Finger rinnen, durch welches Fenster sie unverbraucht hinaus fliegen, in den Schlund welches zeitfressenden Monsters sie wandern, das ist ein Mysterium.

Globale Krise

Nach der Finanz- ist jetzt die Tempuskrise weltweit ausgebrochen. Den Schuldigen kennt man dabei nicht. Jedenfalls ist es nicht die Bank und nicht der Kapitalismus. Und wir selbst sind natürlich auch nicht dafür verantwortlich, dass uns die Zeit davonfliegt. Es ist wohl einfach das Schicksal des Menschen in der Turbogesellschaft der Großstadt und sozialen Medien.

Wirklich auf den Grund gehen können wir der Sache nicht. Denn jeden, der es versucht, plagen ja selbst die temporalen Sorgen. Und sich näher damit zu befassen, würde mit Sicherheit mehr als fünf Minuten beanspruchen, was natürlich inakzeptabel ist!

Die Tempuskrise ist ein Teufelskreis. Denn wie sollte man sich aus ihr befreien, wenn die nötigen temporalen Ressourcen fehlen, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen? Und je mehr wir darüber nachgrübeln, desto mehr Zeit geht uns verloren und desto weiter spitzt sich die missliche Lage, die verflixte Tempuskrise zu.

Zudem besteht das Problem, dass sich niemals genau ermitteln lässt, wie tief wir in der Krise stecken. Die Anzahl an Schlaf- und Aktivitäts-, an Arbeits- und Freizeitstunden lässt sich mathematisch ermitteln. Das aber ist nur der Gipfel des Eisbergs. Denn die gesamte Dauer der Lebenszeit kann nur post mortem festgestellt werden. Das führt zum Paradox, dass wir niemals lebendig erfahren, ob wir temporal endgültig bankrott sind. Diese Ungewissheit verstärkt die lähmende Angst vor den tickenden Uhrzeigern.

Vorbeugen unmöglich!

Nun könnte man natürlich auf die Idee kommen, der Sache prophylaktisch entgegenzuwirken. Ja, es wäre doch schön, wenn es ein Safe gäbe für unsere Zeit oder eine Versicherung! Doch leider funktioniert das mit dieser eigenwilligen Währung nicht. Unsere Erfahrung hat uns gelehrt und unsere Vernunft sagt uns, dass wir Geld für einen späteren Zeitpunkt aufsparen sollten, wenn wir es dringend brauchen werden. Es ist eine ziemlich eigenartige Vorstellung, unser Taschengeld oder Monatsgehalt sofort auszugeben, ja auszugeben zu müssen. Aber genau das passiert mit unserer Zeit. Wir „geben“ sie „aus“, wenn wir uns zu einer bestimmten Handlung entscheiden, wenn wir beschließen, was wir uns davon „kaufen“, was wir als nächstes denken und tun wollen, also immer, jeden Augenblick unseres Lebens. Zeit ist eine Sofort-, eine Instantwährung. Nichts für einen „Knéckjang“ also und auch nicht für einen Dagobert Duck, der seine Zeit am liebsten in einem Verlies aufstapeln und darin baden würde.

Investieren statt reduzieren

Immerhin kann uns Zeit nicht gestohlen werden. Man kann uns höchstens dazu verleiten, sie uns selbst zu stehlen. Und das passiert leider sehr häufig. Und es passiert genau deshalb, weil wir uns für alles höchstens fünf Minuten nehmen wollen, vielleicht sogar nur zwei. Damit zerfällt unser Tag in viele kleine einzelne Abschnitte und je mehr solcher Abschnitte es gibt, desto mehr verliert jeder einzelne davon an Bedeutung. Wenn wir ehrlich sind, ist es doch so, dass die fünf Minuten-Vorgabe jegliche Hingabe, jegliche Leidenschaft, dass sie tiefe Konzentration verhindert. Zudem müssen wir uns wohl eingestehen, dass es selten Früchte trägt, sich tatsächlich nur wenige Minuten einer Tätigkeit zu widmen. Wollen wir wirklich etwas lernen und erreichen, wollen wir wirklich gut in einer Sache sein, dann reichen fünf Minuten einfach nicht aus.

Die Tempuskrise ist keine unvermeidbare Fatalität und wir sind sehr wohl verantwortlich. Der paradoxe Lösungsweg besteht aber eben nicht darin, partout Zeit einsparen zu wollen und unsere Tätigkeiten entsprechend zurecht zu stutzen. Sie besteht, im Gegenteil, darin, uns weniger vor-, aber dafür mehr Zeit zu nehmen für die einzelne Sache und den einzelnen Menschen.