COLETTE MART

Der Amnesty- International-Jahresbericht von 2014 offenbart, dass bewaffnete Terrorgruppen wie IS und Boko Haram zu der größten Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg geführt haben. 2014 waren nämlich 57 Millionen Menschen auf der Flucht, und das sind sechs Millionen mehr als noch vor zwei Jahren. Die totale Destabilisierung des Mittleren Ostens, des historischen Landes der Assyrer und der Wiege der morgenländischen Kultur, die unter anderem auf den IS-Terror zurückzuführen ist, interpelliert zwar die internationale Staatengemeinschaft, jedoch bleiben effiziente Handlungen aus.

Initiativen werden manchmal bereits auf UN-Ebene blockiert und Angst vor der Ausbreitung von terroristischen Rache-Akten in Europa ist überall präsent. Der extremistisch-islamistische Terror richtet sich gegen die Menschen und gegen die Kultur.

Hinter der Brutalität der bewaffneten Terrorgruppen stehen sowohl in Syrien und im Irak, als auch in Nigeria eine Verachtung des Menschen, des Andersdenkenden, der abend- und der morgenländischen Kultur, sowie sie historisch über Jahrtausende gewachsen ist, jedoch auch eine abgrundtiefe Verachtung von Frauen. In den Kreisen der islamistischen Terroristen werden Frauen als Ware gehandelt und mit falschen Liebesversprechungen angelockt, so dass sich aus der ganzen Welt junge Mädchen den IS-Kämpfern anschließen.

Die Vernichtung von Menschen, Dörfern und Städten im Mittleren Osten und in Nigeria, sowie die Zerstörung von Kulturdenkmälern im Irak und vor Jahren bereits in Mali, Afghanistan, und Libyen dokumentiert, dass extreme islamistische Terrorgruppen in ihrer Grundhaltung menschenverachtend sind. In diesem Jahr der Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs rühren sie auch daran, dass dort, wo Bücher und Kultur zerstört, auch die Menschen getötet werden. Das aktuelle menschliche und kulturelle Drama im Mittleren Osten, wo niemand effizient eingreift und die Menschen schützt, rührt dann auch an unsere Verantwortung, unsere eigene europäische Geschichte und an unsere Angst.

In den Neunzigerjahren wurden nämlich auch in Ex-Jugoslawien, lediglich 1.000 Kilometer von uns entfernt, Dörfer zerstört und Menschen ermordet. Wir haben diesen Krieg im Fernsehen verfolgt, so, als ständen wir ganz nahe an der Frontlinie vor Srebrenica, wo genau jener Massenmord stattfand, bei dem niemand eingegriffen hat. Auch in Ex-Jugoslawien wurden Kulturdenkmäler zerstört, mit allem, was sie symbolisieren. Hier und jetzt, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wäre demgemäß die wichtige Frage: Wie kann möglichst schnell geholfen werden? Den Menschen und der Kultur?

Welche Hilfe brauchen Bedrohte, Verfolgte, Flüchtlinge? Und wie können wir präventiv der Radikalisierung entgegenwirken, ohne weiteren Hass, Rassismus und Diskriminierung zu schüren?

Die Antworten auf diese Fragen werden die internationale Staatengemeinschaft und Europa in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen.