LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Was die luxemburgische Forschung zur zweiten Corona-Welle, den großflächigen Tests,

Seit Mittwoch sitzen wieder Menschen auf den Terrassen, Leben kehrt in die Städte ein und die neuen Corona-Infektionsfälle sind einstellig. Also kein Grund mehr zur Sorge und zurück zur Normalität? Ganz so einfach ist es nicht, wie Modellierungen des Pandemieverlaufs der Universität Luxemburg zeigen. Dr. Alexander Skupin ging gestern auf der wöchentlichen Pressekonferenz des „Research Luxembourg“-Zusammenschlusses erneut auf die verschiedenen Modellierungen ein. In einem Szenario, in dem auf den Baustellen gearbeitet wird, die Schulen geöffnet sind, einmal pro Woche eine Dinnerparty mit sechs Gästen stattfindet sowie sich bis zu 20 Personen im Freien versammeln können, rechnen die Forscher beispielsweise mit einer leichten zweiten Welle. Das gleiche Szenario ohne „social distancing“ könnte hingegen eine Infektionswelle auslösen, die zu einer Überlastung der Krankenhäuser und einem Anstieg der Todesrate führen würde. Mit einer zweiten Welle rechnet Skupin übrigens in jedem Fall. Die Frage sei aber, wann sie auftritt und mit welcher Intensität. Eine Simulation spezifisch für die angekündigten weiteren Lockerungen, unter denen Veranstaltungen von mehr als 20 Personen möglich werden, gibt es übrigens nicht. „Da sind wir vielleicht auch etwas von den schnellen Entscheidungen überrollt worden“, meinte Skupin auf Nachfrage. Genauere Modelle sollen in einem nächsten Schritt folgen. Allerdings gab es bereits Simulationen von Szenarien, in denen 50 oder 60 Personen beisammen sind, und eine Abschätzung der Entwicklung erlaubten.

Auch die Teststrategie beeinflusst die Verbreitung von SARS-CoV-2. Durch ein breites Testen und anschließendes Kontakttracing und Quarantäne könne ein Anstieg um etwa 30 Prozent gebremst werden. Insbesondere dann, wenn sogenannte asymptomatische Infizierte durch Tests herausgefiltert und in Quarantäne gesetzt werden können. Experten gehen davon aus, dass eine Infektion bei rund 80 Prozent ohne oder mit nur geringen Symptomen verläuft. Prof. Paul Wilmes, Sprecher der Forscher-Taskforce, erinnerte daran, dass im Verhältnis zur Bevölkerung Luxemburg eine „relativ hohe Infektionsrate hatte“ und im internationalen Umfeld den fünften Platz belegte.

Zudem lässt sich in den Nachbarregionen insbesondere auf belgischer und französischer Seite eine hohe Prävalenz des Virus feststellen. Wären zum 1. Juni alle Einschränkungen aufgehoben und alle soziale Kontakte wieder erlaubt, „hätten wir relativ schnell einen Kurvenverlauf, der ins Exponentielle geht“, so Wilmes – mit allem Leid, das daran hängt.

Mit Blick auf das „large scale testing“ gab es gestern noch die Information, dass die Abstrichtests aufgrund der hohen Sensitivität des Testmaterials inzwischen im Rachen vorgenommen werden können. Wilmes appellierte gestern dann auch nochmal an die Solidarität der Bevölkerung, die in den kommenden Wochen verschickten schriftlichen Einladungen zu den freiwilligen Tests anzunehmen. „Das System funktioniert auch, wenn nur 50 Prozent teilnehmen würden“, erklärte er. Doch je höher die Bereitschaft ausfalle, sich an den 17 Drive-in-Stationen testen zu lassen, umso mehr Infektionsketten können durchbrochen werden und umso schneller sei eine Rückkehr zur Normalität möglich.

Etwa 400 Bürger tragen das Virus aktuell in sich

Einen Einblick in die tatsächliche Verbreitung des Corona-Virus bietet die repräsentative CON-VINCE-Studie, für die jetzt die Ergebnisse der ersten Nachtestung vorliegen. Die Ergebnisse: Die Prävalenz, also die Verbreitung des Virus, hat sich weiter verringert. Für den Zeitraum zwischen dem 06. und 19. Mai geht Prof. Rejko Krüger davon aus, das 402 Bürger im Alter zwischen 18 und 79 Jahren (Prävalenz von 0,08 Prozent) das Virus derzeit in sich tragen - Grenzgänger nicht eingerechnet. Zudem hatten alle im Rahmen der Studie getesteten Virus-positiven Träger weniger oder gar keine Symptome. Zudem haben mindestens 2,6 Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie vor einer Neuinfektion geschützt sind. Die Studie konnte auch einige Unregelmäßigkeiten aufzeigen, die Fragen aufwerfen. So gab es Teilnehmer, die schon einmal positiv, dann negativ, dann wieder positiv auf Covid-19 getestet wurden. Das werfe Fragen auf, was die Immunität angeht, führte der Studienleiter aus.

Nachweis im Abwasser ab Mitte Februar

Dr. Henry-Michel Cauchie vom „Luxembourg Institute of Science and Technology“ (LIST) interessiert sich derweil mehr für die Nachweise des Coronavirus im Abwasser. LIST-Forscher haben zu diesem Zweck Proben aus Kläranlagen untersucht, in denen das Abwasser von zehntausenden Haushalten zusammenläuft. Die Präsenz des Coronavirus wird im Endeffekt mit einem PCR-Test ermittelt. Das ermöglicht es, einen Vergleich zu den Ergebnissen der Tests zu ziehen, die bei Personen mit Symptomen durchgeführt wurden. Und in der Tat korrelieren die Ergebnisse der Proben aus den Kläranlagen mit dem Verlauf der Infektionszahlen, wie die Analyse der Proben aus Beggen zeigten. Ein ähnliches Bild, wenngleich mit Divergenzen, zeigt die Analyse der Proben der Kläranlage Schifflingen. Bei einer Untersuchung älterer Proben konnte das Virus im Abwasser übrigens erstmals in der Periode zwischen dem 12. Februar und dem 25. Februar nachgewiesen werden. Die Überwachung des Abwassers soll in den kommenden Jahren fortgesetzt werden und als eine Art Frühwarnsystem für das Coronavirus dienen.‹


Ein umfangreiches Fragen-und-Antworten-Segment zum „large scale testing“ hat science.lu auf seiner Webseite zusammengestellt