ESCH/BELVAL
JEFF KARIER

Ein Autosimulator hilft bei der Erforschung von Fahrverhalten und neuen Fahrsystemen

Am Ende eines langen Gangs ist ein kleines und unscheinbares Büro. Es befindet sich im „Maison du Nombre“ auf dem Campus-Belval. In diesem Büro befindet sich ein von Forschern der Universität Luxemburg entwickelter Simulator, der dabei helfen soll, das Fahren besser zu erforschen. „Wir sind erst seit einigen Monaten hier im Gebäude untergebracht und arbeiten seither an diesem Projekt“, erklärt Dr. Sébastien Faye, als er die Tür des Büros hinter uns schließt. Er ist einer der Verantwortlichen des Forschungsteams „VehicularLab“. Das Team gehört zu der Forschungsgruppe „Secan-Lab“ der Universität von Luxemburg und steht unter der Leitung von Dr. Thomas Engel.

Faye beschäftigt sich unter anderem mit dem Verhalten im Straßenverkehr. Um das zu untersuchen zu, haben er und sein Team diesen Fahrsimulator gebaut. Doch warum einen Simulator bauen, wenn man das Fahrverhalten auch im echten Auto analysieren könnte? „Das haben wir tatsächlich eine lange Zeit getan, um an Daten für unsere Forschung zu gelangen. Allerdings bringt das echte Fahren auch einige Probleme und Einschränkungen mit sich“, begründet Faye. Das reicht von den Verkehrsregeln, an die man sich auch als Forscher halten muss, bis hin zu dem Umstand, dass man nicht jede Situation ohne weiteres im echten Leben nachstellen kann. „Der Simulator gibt uns mehr Freiheiten spezifische Aspekte zu untersuchen.“

Tiefe durch Bewegung und VR

Der Simulator, den „VehicularLab“ gebaut hat, besteht zum Teil aus Geräten, wie sie Computerspieler kennen. Angefangen bei dem Steuerrad, über die Pedale bis hin zum Steuerknüppel handelt es sich um Hardware für Rennsimulationen. Die eignet sich somit hervorragend für einen solchen Autosimulator.

Damit sich die Fahrer wie in einem echten Auto fühlen, gibt es noch zwei Besonderheiten. Eine davon ist der Sitz: „Dieser verfügt über eine Plattform, die die Bewegungen aus der Computersimulation überträgt“, erklärt der Forscher. Vor dem Simulator ist außerdem ein großer, leicht gebogener Bildschirm aufgebaut, der das Geschehen zeigt. „Man könnte noch weitere solcher Bildschirme anschließen, um ein Panoramabild zu erhalten. Oder man benutzt einfach eine VR-Brille“, sagt Faye und nimmt eine schwarze, etwas klobig wirkende Brille. Er gibt sie mir. Es ist eine HTC VIVE, eine VR-Brille, die mir zwar bereits vertraut ist. Allerdings habe ich sie noch nie in dieser Form benutzt. Ich bin daher sehr gespannt, wie tief ich in die Simulation eintauchen werde. Nach einigen Erklärungen startet dann die Simulation „Projekt Cars“, ein sehr realistisches Computerspiel. Ich setzte die VIVE auf, überprüfe, ob sie gut sitzt, lege die Füße auf die Pedale und umgreife das Steuer.

Tropfen auf dem Visier

Ich befinde mich auf dem Nürburgring, in einem Formel-1-Wagen. Es regnet und die Tropfen erschweren mir die Sicht. Die Ampel schaltet auf grün und ich gebe Gas. Die Plattform unter dem Sitz leistet volle Arbeit, denn ich werde ordentlich durchgeschüttelt, während sich die Regentropfen auf dem Visier meines Helms sammeln. Ein Konkurrent rempelt mich mit seinem Wagen an. Das Heck bricht aus. Ehe ich mich versehe, kollidiere ich mit der Leitplanke. Das restliche Fahrerfeld rast an mir vorbei. Der Motor läuft weiter und ich fahre vorsichtig weiter. Nach und nach bekomme ich ein Gefühl für den Wagen und die Strecke. Ich sause immer schneller um die Kurven, habe jedoch keine Chance mehr das Fahrerfeld einzuholen. Nach drei Runden komme ich Letzter ins Ziel.

Ich nehme die Brille ab und bin wieder in der echten Welt. Auch wenn ich nicht rennsportbegeistert bin und lieber kicke als rase, hat mir dieses Erlebnis gefallen, sogar richtig Spaß gemacht. Die Fahrt fühlte sich sehr realistisch an. Ich war für kurze Zeit wie Hamilton.

Noch viele Ideen

Nur wie genau soll dieser dem Team bei ihrer Forschungsarbeit helfen? „Dieses Spiel nutzen wir in erster Linie zu Demonstrationszwecken. Für unsere Forschung werden wir andere Software verwenden“, führt Faye aus. Hinzukommen sollen noch „Sensing Systems“, die Bewegungen, das Verhalten und weitere Faktoren während der Nutzung des Simulators registriert. Die so erhobenen Daten werden anschließend ausgewertet. Das kann etwa die Blickrichtung des Fahrers, Reaktionszeit, Position der verschiedenen Bedienelemente oder des Kopfs sein. An solchen „Sensing Systems“ wird dann auch an der Universität gearbeitet und ab einem gewissen Punkt werden sie in den Simulator integriert.

„Wir haben noch viele Ideen, wie man die Simulation verbessern und neue Elemente einfügen kann“, betont der Forscher. Ein Beispiel ist etwa die Einbindung eines Controllers der HTC VIVE. Denn das System der VR-Brille erkennt die Position im Raum und kann so auch im virtuellen Raum abgebildet werden. „So könnte man realistisch erforschen, welchen Einfluss die Nutzung eines Smartphones während der Fahrt hat.“ Der Simulator wurde bereits auf verschiedenen Events präsentiert und stieß dabei auf reges Interesse.

Als ein Anwendungsbeispiel des Simulators nennt Faye außerdem das Projekt „MadSAV“, das in Zusammenarbeit der Universität Luxemburg, dem LIST und der Universität Salzburg entsteht. Es beschäftigt sich mit dem autonomen oder semi-autonomen Fahren von Autos. Mit dem Simulator des „VehicularLab“ könnten auch solche Szenarien durchgespielt und neue Daten gewonnen werden. „Die Einsatzmöglichkeiten und der Nutzen sind enorm“, versichert Faye.

Als ich den Raum verlasse, kann ich die Erschütterungen des Simulators noch spüren und auch das Adrenalin, das durch meine Adern pumpt. Auch wenn der Simulator erst am Anfang steht, hat er einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Ich bin gespannt, wie das Fahrerlebnis des Simulators weiter verbessert wird und würde zu gerne noch einige Runden drehen.