LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Jean-Paul Maes über seine „Faust I“-Inszenierung - Premiere heute Abend in Bettemburg

Nach Max Frischs „Homo Faber“ in der vergangenen Saison, wagt sich Jean-Paul Maes nun an den wohl größten und noch dazu umfangreichsten deutschen Bühnenklassiker überhaupt: Für das „Kaleidoskop Theater“ hat er Goethes „Faust I“ inszeniert. Heute Abend (20. Januar) feiert das Stück Premiere im Bettemburger Schloss. Während eines Probenbesuchs (wir haben berichtet) haben wir uns mit dem Theatermann unterhalten.

Was hat Sie dazu bewegt, Goethes „Faust“ auf die Bühne zu bringen?

Jean-Paul Maes Letztes Jahr haben wir „Homo Faber“ gespielt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die beiden Stücke zusammengehören, was vielleicht etwas mit den Haaren herbeigezogen ist. Es ist aber nun kein Zufall, dass beide Werke in Luxemburg auf dem Abiturprogramm stehen. In beiden Stücken geht es um die Suche nach etwas, was nicht zu erreichen ist. In „Homo Faber“ verliebt sich ein älterer Mann in eine junge Frau. Fatal ist, dass es sich dabei um seine eigene Tochter handelt. Faust verliebt sich ebenfalls in eine junge Frau, die er nur erreichen kann, indem es Tote gibt. Faust ist ein absoluter Feind der Zufriedenheit, ständig verspürt er den Drang, weiterzukommen. Er sucht, Schöpfung zu begreifen, er will immer mehr. Die Menschheit versucht ebenfalls seit jeher, die Schöpfung zu überlisten. Inzwischen ist es möglich, Menschen als Ersatzteile für andere Menschen herzustellen oder Leben um Jahrzehnte zu verlängern. Man darf sich ruhig fragen, wo das alles hinführt. Das ist gleichzeitig die große Faust-Frage: Was passiert, wenn man alles machen würde, was man machen könnte? Menschlich wäre das überhaupt nicht mehr zu rechtfertigen. Faust strebt jedoch danach, das alles zu erreichen. Schließlich bietet ihm Mephisto diese Möglichkeit. Mephisto aber entsteht aus ihm selbst. Ohnehin hat jeder seinen Mephisto in sich.

In diesem Sinne zeugt der Faust-Stoff also von einer gewissen Aktualität?

Maes Meiner Meinung nach ja. Mephisto warnt Faust wohl vor den Folgen. Dieser stört sich aber nicht daran, Hauptsache er kommt an sein Ziel. Im richtigen Leben gibt es viele solcher Faust-Fälle. Wohlwissend, dass sie ihre Seele verkaufen, ist es manchen Menschen egal, welche Konsequenzen ihr Handeln nach sich zieht. Wie antwortet man aber auf die berühmte Gretchenfrage „Wie hältst du’s mit der Religion?“, wenn man einen Pakt mit dem Teufel hat...

Haben Sie „Ihrem“ Faust demnach eine aktuelle Note verpasst? Oder gar einen modernen Touch?

Maes Den Stoff habe ich in die heutige Zeit verlagert, ohne aber den Originaltext zu verändern. Ich bin auch so vorgegangen, dass Faust und Mephisto immer wieder in verschiedenen Szenen auf der Straße zu sehen sind, wo viele Leute ihren Weg kreuzen. Damit will ich verdeutlichen, dass jeder seinen Faust oder seinen Mephisto in sich trägt und damit auch seinen eigenen Pakt mit dem Teufel hat, oder dass man zumindest ständig solchen Menschen begegnet.

Zuerst „Homo Faber“, jetzt „Faust“, haben Sie eigentlich keine Berührungsängste vor solch großen Klassikern der Weltliteratur?

Maes Doch, natürlich. Man kann im Theater immer scheitern, kaum ein anderer Ort ist derart geeignet dazu. Wenn man solche Stücke wählt, „Faust“ noch mehr als „Homo Faber“, dann baut man seine Inszenierung nicht auf Sicherheit auf. Es wäre nicht interessant, museal vorzugehen, so wie es sich die Leute vorstellen, die Darsteller also in langen Gewändern zu zeigen und das Ganze im 18. Jahrhundert spielen zu lassen, wo es geschrieben wurde. Komplett ungekürzt kann man es ja ohnehin nicht auf die Bühne bringen, weil es sonst fünf Stunden dauern würde. Ich musste vieles streichen.

Was war die größte Herausforderung bei der Inszenierung?

Maes Eindeutig die Gretchen-Geschichte. Die Frage drängte sich auf, wie stark die Tendenz zur Religion heute ist, wobei man schnell bei den Fanatikern landet. Würde ich Gretchen aber als religiöse Fundamentalistin zeigen, würde das Stück nicht funktionieren. Darüber habe ich mir lange den Kopf zerbrochen, sogar noch während der Probenphase. Schließlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man Religiosität und Gottesgläubigkeit eigentlich heute mit Naivität und Unberührtheit übersetzen muss. Ich rede von einer einfachen, ehrlichen Unberührtheit und auch von einer Naivität im positiven Sinn, nach dem Motto, wenn mir jemand etwas sagt, glaube ich es. Bei Gretchen besonders fatal: Ihr Glauben geht so weit, dass sie letztendlich, wenngleich ohne es zu wollen, ihre Mutter umbringt und später auch ihr Neugeborenes.

Wie sind Sie denn an den Stoff rangegangen, wo haben Sie angefangen?

Maes Die Vorbereitung war in der Tat sehr intensiv und hat viel Zeit in Anspruch genommen. Vor rund einem Jahr habe ich entschieden, „Faust“ zu machen. Natürlich habe ich das Buch erstmal ganz genau gelesen, und zwar nicht nur einmal. Akribisch habe ich Szene für Szene unter die Lupe genommen. Einerseits muss man wissen, was man den Leuten damit sagen will, andererseits muss man sich überlegen, wie man es szenisch hinbekommt, welche Bilder man mit welchen Mitteln zeigt. Natürlich spielen die technischen Gegebenheiten vor Ort eine entscheidende Rolle. Der Inhalt ist die eine Sache, die Form wiederum eine andere.

Wie ist es mit den Darstellern, hatten Sie beispielsweise gleich eine bestimmte Vorstellung, wer den Mephisto spielen könnte oder wie er sein müsste?

Maes Nein, nicht wirklich. Wie sich eine Rolle letztendlich entwickelt, hängt aber ganz klar davon ab, wer sie spielt. Ich habe mir natürlich meine Gedanken gemacht und verschiedene Schauspieler für den Mephisto in Erwägung gezogen. Schließlich fiel die Wahl auf Tim Olrik Stoeneberg, der bereits in „Homo Faber“ mitwirkte. Wegen seiner Natur - er ist groß und stark, trägt Vollbart und ist eigentlich ein bodenständiger Mensch - wurde aus „meinem“ Mephisto eben genau diese Figur. In vielen Inszenierungen wird Mephisto ja von einer Frau gespielt, ich muss zugeben, dass ich das nicht verstehe. In meinen Augen übt Mephisto eine starke Anziehungskraft auf Frauen aus und ist, wie das nun einmal für einen Teufel üblich ist, auch nicht abgeneigt. Wir haben letztlich eine gute Truppe zusammengestellt, mit vielen talentierten, teils jungen Schauspielern. Für die Darsteller, insbesondere die beiden Hauptprotagonisten, ist das Stück natürlich eine große Herausforderung. Mephisto und Faust sind wohl mit die schwersten Rollen der Weltliteratur.

Braucht man Vorkenntnisse, wenn man in das Stück gehen will?

Maes Nein, das Buch muss man nicht gelesen haben. Ich denke, man muss sich auch auf das einlassen können, was die Regie oder ein Ensemble einem erzählen will. Ich gehe aber davon aus, dass die meisten Leute das Werk kennen. Ich hoffe, dass sich niemand durch den Namen „Faust“ abschrecken lässt. Wir versuchen überdies, es relativ amüsant rüberzubringen.

Alle Infos: www.kaleidoskop.lu; Vorverkauf: Tel.: 621 59 36 19, ticket@kaleidoskop.lu