LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Die Jan Garbarek Group in der Philharmonie

In eine bestimmte Schublade des breit gefächerten stilistischen Angebots des Jazz war er noch nie einzuordnen, der experimentierfreudige, norwegische Saxofonist Jan Garbarek. Angefangen hat alles, als der Autodidakt in den frühen 1960er Jahren die stilistischen Freigiebigkeiten der Saxofonisten Coltrane, Albert Ayler und Pharoah Sanders entdeckte. Noch heute, wo die skandinavische Szene das internationale Jazzgeschehen mehr denn je dominiert, beeinflussen die von Garbarek geschaffenen kühlen Soundlandschaften die originellen Stimmungsbilder der nordischen Aushängeschilder wie Bug Wesseltoft oder Nils Petter Molvaer.

Anerkannter „Saxofonguru“

Insider kennen Garbarek bereits seit den späten 1960er Jahren durch seine damals revolutionären Aufnahmen mit dem Gitarristen Terje Rypdal. International anerkannt wurde der kühle Saxofonguru der meditativen Klang- und Phrasierungskunst einige Jahre später durch seine Zusammenarbeit mit Keith Jarrett und selbst etablierten Anhängern eher konventioneller Musikformen durch die erfolgreichste Crossover-Produktion aller Zeiten „Officium“ mit dem auf gregorianischen Gesang spezialisierten „Hilliard Ensemble“ ein Begriff. Aeltere Semester erinnern sich an die spektakuläre Inszenierung dieses Events vor etwa 20 Jahren in der bis auf den letzten Platz ausverkauften Kathedrale.

Was aus seinem Konzept, das früher oft abschätzend als „Fjordenmusik“ belächelt wurde, geworden ist, davon konnten wir uns am Samstag in einem fast zweistündigen, poetisch intensivem, Konzert überzeugen.

Musik als Gebet, sakraler mystischer Ritus oder einfach eine göttliche klangliche und strukturelle Umsetzung dessen, was die heute auf den Hund gekommene Weltmusik sein sollte, diese Huldigungen Garbareks an die übernatürliche Aussagekraft einer fast unbeschreiblichen Musik, so erlebten wir eine Hymne an die Schönheit einer musikalischen Architektur, die man unter Denkmalschutz stellen könnte.

Ausgangspunkt der sehr eigenen abenteuerlichen musikalischen Reise war eine ausgedehnte Kadenz Garbareks auf dem Sopransaxofon, bei der er gleich seine Visitenkarte, die Erkundung der Klänge seines Instruments, hinterlegte. Fast unmerklich steigerte sich die leidenschaftlich intonierte Einstimmung zu einem unvergleichlichen Geflecht einer grenzenlos offenen Musik, die die üblichen Hörgewohnheiten vergessen ließ. Eine solch schmerzlich schöne Musik, die mit selbstverständlicher Perfektion ein transkulturelles Projekt voller Ergriffenheit und Leidenschaft reflektiert, in diesem einmalig berauschenden Ambiente zu genießen, grenzt schon an himmlischem Glücksgefühl, dessen hypnotische Wirkung eigentlich nur noch mit der geschmackvoll dosierten Mischung ethnischer Elemente der Gruppe „Oregon“ zu vergleichen ist.

Ein wahrer Glücksgriff Garbareks bei der Gründung seiner Band war die Verpflichtung des deutschen Keyboarders Rainer Brüninghaus, der mittlerweile schon seit über 30 Jahren an der Seite der originellsten Stimme des europäischen Jazz wirkt. Seine sanften, weiten Akkordschichtungen und seine melodiösen Strukturen, die sowohl Elemente des Jazz, der Minimalmusic oder der klassischen Romantik miteinbeziehen, sprechen Bände. Seine atemberaubende, aber ausgeglichene Klangkulisse verlieh dem Gesamtkonzept um Garbareks unverkennbaren Sound die berühmte besondere Note.

Ästhetik mit unheimlicher Dynamik kombiniert

Bekanntester Sideman Garbareks ist der indische Multiperkussionsinstrumentalist Trilok Gurtu. In seinen wunderbaren, zwar publikumsträchtigen, aber nie auf Effekthascherei ausgelegten, inszenierten Soli erzählte der Meister Geschichten aus fiktiven Landschaften, die die Ästhetik seiner fernöstlichen Kultur mit der westlichen in einer fast unheimlichen Dynamik verbindet.

Als kongenialer, klanglich und rhythmisch uneingeschränkt agierender Partner erwies sich der in allen aktuellen Stilbereichen versierte Bassist Yuri Daniel, der die Nachfolge des, seit einem Schlaganfall nicht mehr praktizierenden, legendären Eberhard Weber antrat.

Doch trotz der solistischen Meisterleistungen eines jeden Bandmitglieds, bei denen jeder für sich sensibel und vielfältig ein beeindruckendes Eigenporträt präsentierte, lag der Hauptakzent des Ensembles auf dem klug organisierten und feinfühligen Zusammenspiel des Kollektivs. Berührender und intensiver kann erlebte Musik in dieser Form nicht sein. Ein fulminantes Resultat einer an sich egoistischen Idee Garbareks, ähnlich wie der Duke-Ellingtonsaxofonist Johnny Hodges, einen unverkennbaren eigenen Sound zu entwickeln, ein hochgestecktes Ziel, das primär für die magische Simplizität des „größten Hymnikers seit Coltrane“ verantwortlich ist.

Nach der bis ins letzte Detail überzeugenden Performance dürfte selbst der letzte Garbarek-Skeptiker uneingeschränkten Gefallen an dieser schrankenlosen Musikaussage gefunden haben. Wer zudem noch die Gelegenheit genutzt hat, am Freitag die fantastische Solistin Veronika Eberle mit Mozarts 3. Violinkonzert und ein sich selbst übertreffendes „Orchestre Philharmonique du Luxembourg“ mit Bruckners Siebter zu erleben, kann auf ein unvergleichliches kulturelles Wochenende der höchsten Liga zurückblicken.