LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Im Ein-Mann-Stück „Performance“ sehen wir einem Bankangestellten beim Scheitern zu

Guy Helminger ist unter die Diagnostiker gegangen. Sein Auftragsstück „Performance“, das am vergangenen Freitag Premiere im „Théâtre du Centaure“ feierte, verhandelt nichts weniger als die Grundlagen, auf denen die heutige Gesellschaft in Luxemburg fußt - beziehungsweise vor sich hin fault. Der knapp eineinhalbstündige Monolog ist nämlich mitnichten eine brave und zwanghafte Feier unseres Miteinanders, ganz im Gegenteil: Das sprachmächtige Stück auf Luxemburgisch stellt den Moder des Mediokren bloß. Es kreidet die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse in den sogenannten neoliberalen Service-Oasen an und kritisiert die Aushöhlung familiärer Beziehungen zugunsten einer leistungsorientierten Geld- und Prestige-Community.

Zur dramatischen Vergegenwärtigung dieser Missstände schickt Helminger eine einzige Figur ins Feld. Benoît Pleimer ist einer jener üblichen und zumeist unsichtbaren Bankangestellten, denen wir tagtäglich begegnen, ohne dass sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Er ist der Prototyp des schemenhaften Service-Angestellten, dessen Highlight des Tages darin besteht, anstelle der blauen die rote Krawatte zu tragen. Derlei Gestalten gehen entweder stumm zugrunde - oder sie wagen in einer letzten Wehrhaftigkeit den großen Knall, das bombastische Fanal.

Ein Kaputter in einer kaputten Welt

Für letzteres entscheidet sich Benoît Pleimer, dessen Labilität zwischen Hetze und Hilflosigkeit, zwischen Wehmut und Wut fulminant von Jules Werner zur Darstellung gebracht wird. Die Zuschauer wurden Zeuge einer allmählichen Radikalisierung, die letztlich von einem gebeutelten, ja, verkrüppelten Humanismus zehrt. Pleimer wird skizziert als ein Kaputter in einer kaputten Welt, der glaubt, nur mehr ein Amoklauf in der Bank befreie ihn aus seiner Unfreiheit.

Nach vierundvierzig Jahren des Kuschens und Schweigens schießt Pleimers Sermon wie ein Schwall aus ihm heraus. Zurecht verlässt sich die Regisseurin Anne Simon dabei auf das außergewöhnliche Talent von Jules Werner und auf den vor rhetorischer Lust und Präzision pulsierenden Text von Helminger. Das Bühnenbild ist karg; ein Schreibtisch, eine Video-Kamera und ein Meer aus schwarzen Plastikfetzen auf dem Boden rahmen die Inszenierung, ohne vom Eigentlichen, der Sprachwut der Hauptfigur, abzulenken. Der Monolog beginnt mit den Erinnerungen an das reiche Elternhaus, insbesondere an die Mutter, einer herzlosen und dominanten Frau. Es geht weiter mit dem Suizid des Vaters über die verunmöglichte Liebe zu einem Au-Pair-Mädchen, hin zum aufgezwungenen Studium, dem Drogenkonsum und der stumpfen Arbeit bei der Bank.

Sich an roten Fäden aufhängen

Da hilft es wenig, auf die mannshohen schwarzen Tafeln, die das Bühnenbild begrenzen, logische Formeln zu kritzeln. Die Kausalität ist Pleimer kein Halt mehr; es schert ihn nicht mehr, ob „p“ „q“ impliziert oder indiziert oder expliziert. Auch hilft es nicht, einen roten Faden quer durch das Theater zu spannen - in einer ausschließlich desaströsen und destruktiven Welt erhängt man sich eher an ihm, als dass er der Orientierung dienlich wäre. Der Fatalismus durchzieht das Stück von Anfang bis Ende, und es gibt für das Systemopfer Pleimer nichts außer Verwirrung, Mittelmaß und Gewalt: „D’Welt ass wootlech, mee ech hätt mech gären eng Kéier un hir verbrannt.“

Das Ziel des Diagnostikers besteht darin, eine kulturkritische Gesamtschau vorzulegen. Dementsprechend begnügt sich Helminger nicht mit dem scheiternden Lebensentwurf von Pleimer, sondern schiebt letzterem die großen Sujets zu: Die Attentate in Frankreich und Belgien, die Stellung von Kunst in unserer Zeit, die Degradierung des Menschen zum effizienten Arbeitstier sowie die Rückkehr der Nationalismen. Ende letzten Jahres hat der Autor einen Essay mit dem Titel „Europa - eine Idee und ihr Gegenteil“ vorgelegt. Hier und da scheint es, als wären einige der essayistischen Theorie-Überbleibsel in das Stück hineingerutscht. Jedenfalls wirken einige Passagen unorganisch und disparat, so, als seien sie nicht dem Kopf der Figur Pleimer, sondern demjenigen des Autors Helminger entsprungen.

„Performance“ schließt mit einem dramaturgischen Clou, der sich selbst und damit die Kunst in Zeiten der Krisen entlarvt. Am Ende reißt die Figur die Illusion des Abends ein: Wir sind hier nicht in der Bank, sondern im Theater; wir sind nicht im sicheren Hafen der Fiktion, sondern im brutalen Käfig der Realität. Dann schießt Pleimer in Richtung des Publikums. Nachdem die Platzpatrone uns alle erschrickt, applaudieren wir beflissen, etwas eifriger als üblich. Schließlich wollen wir das Theatergefühl möglichst schnell wiederherstellen. Das Appellative von Kunst verpufft so rasch wie die Rauchfäden aus der Pistole, und übrig bleibt die hehre Wirkungslosigkeit von Kunst. Daran ändern auch eineinhalb Stunden brillant geschriebenes, inszeniertes und vorgetragenes Theater nichts.


Weitere Vorstellungen von „Performance“ am 24., 25., 26., 27. und 30. November sowie am 2., 3. und 4. Dezember im „Théâtre du Centaure“. Danach auch im Kulturhaus Niederanven und im CAPE zu sehen. Infos unter www.theatrecentaure.lu