LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Beim Theaterfest konnten sich die Besucher am Sonntag einen Überblick

Am vergangenen Sonntag beging die „Theater Federatioun“, die Dachorganisation von insgesamt 20 Institutionen und Initiativen aus dem Theaterleben Luxemburgs, das sogenannte Theaterfest. Im Hof der Abtei Neumünster erwartete die Besucher ein tagesfüllendes Programm mit Lesungen aus kommenden Stücken, Tanz- und Kabaretteinlagen sowie einem Basar für Theatergarderoben. Zugleich feierte der Theaterverband mit der nun schon siebten Ausrichtung der Veranstaltung sein 20-jähriges Bestehen.

So wie ein Schulkind am Ende der Ferien aufgeregt davon erzählt, was ihm bzw. ihr alles passiert ist - so fühlt es sich an, wenn man am Ende des Tages alle Spielpläne der kommenden Saison vor sich liegen hat und sich einen Überblick verschaffen will: und das Stück und das auch noch und hier die Aufführung und dann noch die eine Lesung und dann und überhaupt ...

Vergangenes Jahr konnte das Kaleidoskop-Theater mit seiner Dramatisierung von „Homo Faber“ einen großen Erfolg landen. Und auch in dieser Spielsaison versucht die Truppe um Jean-Paul Maes, die Abiturienten mit der Aufführung einer Schullektüre ins Schloss nach Bettemburg zu locken. Der erste Teil von Goethes Faust wird insgesamt elf Mal aufgeführt werden. Bei ihrer Kurzlesung am vorgestrigen Sonntag hatten die Schauspieler teilweise die guten alten Reclam-Bücher in strahlendem Gelb in der Hand. Wir dürfen uns höchstwahrscheinlich auf eine klassische Interpretation des klassischsten aller deutschen Bühnenwerke freuen.

Geradezu anti-klassisch verspricht wiederum der neueste Coup des Künstlerkollektivs „Independent Little Lies“ zu werden. Die Performance, die sie dem Publikum darboten, bestand darin, Reiscracker mit Messer und Gabel zu essen und dabei sehr lange sehr ausgiebig zu kauen. Man darf gespannt sein, wie sich der kreative Furor der Künstlergruppe in ihrem Cabaret-Stück „D’Kachboun“ entladen wird. Was als sicher gilt: Es geht um die Esskultur in Luxemburg, um deren Vereinnahmung für das allseits verhasste „Nation Branding“ und - natürlich - um unsere Gartopfbotschafterin Léa Linster.

Immer wieder oder immer noch: Europa

Nachdem die letztjährige Ausgabe der „Walfer Bicherdeeg“ der Frage „Quo vadis, Europa?“ wenig überzeugend mit einer literarischen Anthologie beizukommen versucht hatte, nimmt sich nun das Kasemattentheater desselben Themas an. Unter anderem werden auf der Bühne in Bonneweg Guy Helmingers Ideenstück „Guten Morgen, Ihr Völker“, der Leseabend „Europae Europes“ und die Liederrevue „Lëtzebuerger Fräiheetslidder“ zur Aufführung gebracht.

Ja, es scheint, als laufe die heimische Theaterproduktion gerade jetzt, in Zeiten tatsächlicher und bauchfühliger Krisenhaftigkeit, zur Höchstform auf. Auch das „Théâtre du centaure“ leistet mit seinem Programm einen Beitrag zur ambitionierten Kommentierung unserer Zeitumstände. Aufgeführt werden unter anderem Albert Camus‘ „Les Justes“, ein Stück über ein terroristisches Attentat vor mehr als hundert Jahren, sowie eine dramatisierte Fassung von Fjodor Dostojewksis „Schuld und Sühne“ („Sad songs from the heart of Europe“).

Das „Théâtre Ouvert Luxembourg“, kurz TOL, reagiert auf die zerrissene Weltlage mit einem altbewährten Mittel. Im Geleitwort des Hefts heißt es: „En ces temps plus que troublés, l’absurde semble une valeur refuge.“ In diesem Sinne werden auf der TOL-Bühne unter anderem fünf Kleinstücke von Samuel Beckett („Exploring Beckett“) und ein neues Stück von Tullio Forgiarini zur Aufführung gebracht („Du ciel“). Im Beisein des Autors und der Regisseurin Véronique Fauconnet lasen am Sonntag zwei der Schauspieler kurz aus eben diesem Stück. Nur so viel zum Inhalt: Es geht um ein ungeheures Wetterphänomen, das die Leichen der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge in unsere Wohnzimmer herabregnen lässt.

Was soll man machen, wir müssen Theater spielen!

Und das TNL? In dessen „Édito“ begrüßt uns in düsterem Frohmut ein Zitat Anton Tschechows: „Was kann man machen, wir müssen leben!“ Und leben heißt in diesem Falle vor allem eins: Theater spielen und die Problemlagen unserer Zeit zur Darstellung bringen. Dafür wird in der neuen Saison unter anderem der diesjährige TNL-Gastautor Olivier Garofalo mit seinem Auftragsstück „Heimat ist kein Ort“ sorgen. Vielversprechend klingen darüber hinaus das Einmann- stück „Out in Africa“ des renommierten südafrikanischen Theatermachers Mpumelelo Paul Grootboom sowie die Koproduktion „Hieronymus Bosch“, für die das TNL mit dem Schauspielhaus Salzburg zusammenarbeitet.

Als Highlight der Saison darf mit Sicherheit die Großproduktion „En Tiger am Rousegäertchen“ gehandelt werden, welche die Übernahme von Arcelor durch Lakshmi Mittal zum Thema macht. Die Farce unter Beteiligung vieler bekannter Schauspieler aus Luxemburg wird nach ihrer Uraufführung im Großen Theater an verschiedenen Orten im Land aufgeführt werden. Darüber hinaus warten die „Théâtres de la Ville de Luxembourg“ mit zahlreichen Klassikern auf: „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse, „Dom Juan“ von Molière und „Nathan der Weise“ von Lessing.

Alle Spielprogramme der neuen Saison sind online einsehbar über die Plattform www.theater.lu