LUC SPADA

Ich bestelle einen Espresso. Die junge Frau schaut mich an. Sie sieht gut aus. Frauen in diesen Kaffeehausketten sehen meistens gut aus. Aber nie so, dass ich sie heiraten will. Ob der Personalchef, die Personalchefin, in Kaffeehausketten immer ein heterosexueller Mann, eine homosexuelle Frau ist?

Bin ich jetzt sexistisch? Beschränkt? Schönheit ist doch relativ. Sollte ich nicht über ihre inneren Werte schreiben? ICH KENN SIE DOCH NICHT! Wie kann ich da reinschauen und herausfinden, ob sie schöne, innere Werte hat? Was, wenn sie keine schönen, inneren Werte hat? Darf ich sie dann trotzdem schön finden? Kann sie dann überhaupt noch schön sein? Was, wenn sie überhaupt keine Werte hat?

Ich tippe auf Psychologiestudentin. Nebenjob in Kaffeehauskette, kann man sich bestimmt auch als fachbezogenes Praktikum anerkennen lassen. You know, wegen der Vielzahl an verschiedenen Persönlichkeiten, die hier Kaffee trinken. Als Psychologin darf man nicht werten. Ohne Werte ist man demnach bestimmt eine bessere Psychologin.

„Zum hier Trinken oder TO GO?“, sagt die Frau, die hoffentlich auch schöne, innere Werte mit sich rumträgt. Wenn nicht, kann sie immer noch Immobilienmaklerin werden. Oder Kommentatorin bei Facebook. Versicherungsverkäuferin.

„Emmm, ich möchte hier, also, bleiben“, stammle ich vor mich hin. „TO GO?“, fragt sie zurück. „Togo? Äh, nein, bleiben will ich, hier trinken“, ich dann wieder.

Ich fahre mit der Hand durch meine Haare am Hinterkopf. Das mache ich immer, wenn ich nicht weiß, was ich sagen soll, das hat eine beruhigende Wirkung. Oder jemandem ZUHÖRE. Leichte Verlegenheitsgeste. Prophylaktische Beruhigungsvorsorge. Je nachdem.

Sie lächelt, leicht gereizt, mache ich sie nervös, weil ich gestammelt habe? Ihr überdrehtes, künstliches Lächeln soll überdecken, was sie womöglich von mir hält: WAS FÜR EIN AFFE! Ha! Ich habe sie durchschaut! Schlechte Werte hat sie, ganz schlechte, innere Werte. Die wird GANZ SICHER Immobilienmaklerin.

Dass die hier in diesen doofen Kaffeehäusern immer so hektisch werden. Als würde sich hinter mir eine riesen Warteschlange bilden, aber die riesen Warteschlange bildet sich nicht, jetzt gerade auf jeden Fall nicht, ich bin die Warteschlange. Ich alleine kann doch keine Warteschlange sein.

Wirklich schade, denke ich, die Frau schaut mich immer gereizter an, als hätte ich was vergessen, was ich auch habe, wie sich gleich herausstellen wird, dass ich aber auch ausgerechnet bei einer doofen Kaffeehauskette bestellen muss. Da aber weit und breit kein anderes, voll niedliches, süßes Café in Sicht- und Reichweite ist, ich allerdings in der Nähe gleich zu einem Termin muss und nur 15 Minuten Zeit habe, aber dennoch einen Espresso trinken möchte, habe ich nicht die Möglichkeit, woanders hinzugehen. Sonst komme ich doch zu spät, verstehst du?

„One shot oder double shot?“, fragt sie. „Shot wer was… entschu… sorry, ich versteh nicht“, ich wieder am Stammeln. „One shot, double shot?“, das künstliche Lächeln wird durch ein authentisches Genervtsein ersetzt.

„Espresso, nur einen, einfach Espresso“, aaah, das habe ich vergessen. „1,95 Euro“, stolzer Preis für so einen Schuss Kaffee. Ich gebe fünf Cent Trinkgeld, sie sagt danke, aber authentisch war das nicht.

Auch Tom Schilling ist in seiner Rolle im Film Oh Boy verwirrt im Kaffeehaus