LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Beggen: Die Fische in der Alzette sind durch die Einleitung ungeklärter Abwässer erstickt

Der Anblick hat am Samstagmorgen etliche Bürger im Unterlauf der Alzette, genauer gesagt unterhalb des Klärwerks Beggen nachhaltig erschreckt. Jede Menge tote Fische trieben mit dem Bauch nach oben in einer trüben Brühe. Noch bevor es offizielle Meldungen gab, wurden die ersten Bilder des ökologischen Unfalls auf Facebook verbreitet.

Bald war klar, dass ausgerechnet das hochmoderne Klärwerk in Luxemburg-Beggen schuld an dem Desaster war. Ersten Erkenntnissen nach hatte sich ein Schieber für einen „Bypass“, der laut Planung für den Fall eines extremen Hochwassers vorgesehen ist, auf noch nicht ganz geklärte Art und Weise geöffnet. So konnte eine große Menge nur grob geklärten Abwassers während 18 Stunden direkt in die Alzette fließen und ein Fischsterben auslösen. Nicht nur das Wasserwirtschaftsamt verlangt hier eine dezidierte Aufklärung, wie es zu diesem Unfall kommen konnte.

Gestern erklärte die zuständige Schöffin der Stadt Luxemburg, Simone Beissel, gegenüber dem „Journal“, dass es sich ersten Erkenntnissen nach um einen Computerfehler handelte. Am Freitag habe es erste Problem im Computernetzwerk der Kläranlage gegeben. Am Abend habe dann einer der Computer den Überlaufschieber geöffnet „der noch nie geöffnet war“ (Zitat Beissel) und das nur grob geklärte Wasser in die Alzette abgelassen. Hinzu komme, dass es 500 Alarmsensoren im Klärwerk gibt, nur nicht an diesem Überlaufschieber. Heute wird die Stadt Luxemburg vor Ort über den Stand der Aufklärung informieren.

Null Sauerstoff - von Beggen bis Steinsel

Betroffen von der Verschmutzung war der Flussabschnitt von Beggen bis unterhalb von Steinsel. Wie Jean-Paul Lickes, der Direktor des Wasserwirtschaftsamtes, dem „Journal“ gegenüber erklärte, sind die Fische in diesem Bereich nicht an einer Vergiftung durch irgendwelche chemischen Substanzen verstorben. Die Todesursache war Sauerstoffmangel. Bei Messungen habe sich gezeigt, dass der Sauerstoffgehalt in der Abwasserbrühe bei null lag. Die Fische haben darauf als erstes reagiert, die Pflanzen werden sich vermutlich erholen, aber was mit Insekten und anderen Kleinlebewesen geschehen ist, wird sich erst in der nächsten Zeit herausstellen. Immerhin sei eine auf 200.000 Einwohnergleichwerte ausgelegte Kläranlage, die größte des Landes, über Stunden außer Funktion gewesen.

Die Zahl der toten Fische genau zu beziffern ist nahezu unmöglich, allerdings ist es so, dass zahlreiche ausgewachsene und fortpflanzungsfähige Tiere - damit also ökologisch wertvolle - gestorben sind. Das nachlaufende Wasser der Alzette und der zufließenden Bäche sorgt zwar für eine Reinigung des betroffenen Flussabschnitts und eine Wiederherstellung der Wasserqualität, die Erholung des Fischbestands - etwa durch Zuwanderung - wird aber längere Zeit dauern, erläuterte Dr. Lickes. „Das geht nicht von heute auf morgen.“ Die dramatischen Folgen der Verschmutzung wurden noch durch den trockenen Sommer begünstigt. Durch den niedrigen Wasserstand und die damit verbundene geringe Menge
Wasser in der Alzette konnte die Einleitung der Abwässer nicht gepuffert, also verdünnt werden. Laut Wasserwirtschaftsamt hätte ein Unfall einer anderen Kläranlage an einem anderen luxemburgischen Wasserlauf ähnliche Folgen gehabt - wegen des überall herrschenden Niedrigwassers.

Nach Auskunft des CGDIS hatten übrigens die Kräfte des Einsatzzentrums (CIS) Walferdingen die unangenehme Aufgabe, die toten Fische in der Alzette zu beseitigen.

Fragen an den Schöffenrat

Die Verschmutzung der Alzette blieb natürlich auch politisch nicht ohne Folgen. So kündigte die grüne Stadträtin Linda Gaasch via Twitter eine dringende Anfrage an Hauptstadtbürgermeisterin Lydie Polfer an, die dann auch mit Datum vom 15. September verfasst wurde.

Gaasch bezieht sich auf die Pressemeldungen und will nun Auskunft über den genauen Ablauf des Unfallhergangs, wobei die Frage nach menschlichem oder technischem Versagen als Ursache der Alzette-Verschmutzung im Mittelpunkt steht.

Stellung bezog auch der Sportfischerverband FLPS, der ebenfalls eine schnelle Aufklärung forderte. Besonders übel stieß den Sportanglern die mangelnde Kommunikation zwischen den zuständigen Verwaltungen auf.