LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Beim LuxFilmFest als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet: „Colectiv“ oder wie ein marodes Gesundheitssystem auffliegt

Im Oktober 2015 ereignete sich ein Brand in dem Nachtklub „Colectiv“ in Bukarest. Das Unglück forderte 27 Tote, die direkt im Klub starben, weil es keine Notausgänge gab. Im Nachhinein mussten 37 Menschen ihr Leben in den Kliniken der rumänischen Hauptstadt lassen, weil die benutzten Desinfektionsmittel wirkungslos blieben.

Der deutsch-rumänische Regisseur Alexander Nanau wurde 2014 international mit seinem Dokumentarfilm „Toto si surorile lui“ (Toto and His Sisters) bekannt. 2015 wurde dieser Film beim „Luxembourg City Film Festival“ mit dem Preis des besten Dokumentarfilms ausgezeichnet. Deshalb kannte der Regisseur das Großherzogtum und seine Filmbranche. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er allerdings in Deutschland, kam aber im Herbst 2015 nach Bukarest zurück und filmte die Geschehnisse nach der Brandkatastrophe. Mit Bernard Michaux von Samsa Film fand sich auch ein Produzent, der bereit war, den Film „Colectiv“ (der internationale Titel ist „Collective“) mit deutschen, schweizerischen und rumänischen Geldgebern mitzufinanzieren. Erneut gewann Nanau mit seinem Film beim letzten LuxFimFest den Preis des besten Dokumentarfilms.

Verdünnte Desinfektionsmittel

Gefilmt werden zuerst Menschen, die ihren Verwandten nachtrauern, die ihr Leben am 30. Oktober 2015 verloren haben, weil die staatlichen Prüfstellen den Klub ohne Notausgänge zuließen. Ein Mann klagt, dass sein Sohn in einer Wiener Klinik untergekommen wäre. Da die Direktion des Krankenhauses in Bukarest die Auslieferung verschlampte, starb der junge Mann in Österreich an einer bakteriellen Infektion, die er sich in Rumänien in der Klinik zugezogen hatte. Es folgen massive Proteste gegen die Regierung. Die Kamera von Nanau verfolgt alsdann die Reporter Catalin Tolontan, Mirela Neag und Razvan Lutac, die bei der Sportzeitung „Gazeta Sporturilor“ arbeiten. Sie decken auf, dass die Desinfektionsmittel verdünnt wurden und daher unwirksam blieben. Hinter dieser grausigen Tat steckt die Geldgier von Menschen, die sich um das Leben anderer einen Dreck scheren. Die Mittel werden von der rumänischen Firma Hexi-Pharma hergestellt, aber des Profits wegen verdünnt. Das Journalisten-Team findet heraus, dass der Hauptschuldige der Besitzer der pharmazeutischen Firma Dan Condrea ist, der später bei einem Autounfall stirbt.

Überall Korruption

Nanau dokumentiert ebenfalls, dass in Rumänien nichts läuft, wenn man nicht etwas Kleingeld hinblättert, speziell in den Verwaltungen und Regierungskreisen. Mit dieser Methode konnte Condrea in den meisten Kliniken seine Mittel verkaufen und erzielte die gewünschten Renditen. Der Regisseur verfolgt aber auch den damaligen Gesundheitsminister Vlad Voiculescu, der, nachdem die Regierung wegen des Skandals abgesetzt wurde, sein Amt antrat. Stets ist er mit seiner Kamera bei Pressekonferenzen dabei oder bei den Recherchen von Tolontan, der unnachgiebig ist und durch seine vielen Kontakte die Wahrheit ans Tageslicht bringt. Eine weitere interessante Figur ist die Architektin Tedy Ursuleanu. Sie wurde beim Brand schwer verletzt, unter anderem an den Händen. Fotos von ihr sollen alle an das Unglück erinnern. Der Film endet indes mit einem Wermutstropfen. Bei den Neuwahlen gewinnt wieder die zurückgetretene Partei, und die Korruption wird weiter Bestandteil der rumänischen Politik sein.

Nanau gelingt es mit seiner Kamera die Reaktionen aller Beteiligten einzufangen und eine bestechende Atmosphäre zu erschaffen. Der Zuschauer erlebt die Wut und die Hilflosigkeit der Rumänen hautnah, die absolut verständlich ist. 64 Menschen starben wegen Geldgier und Korruption und etwa 180 wurden teils schwer verwundet.

Angesichts der aktuellen Situation, die durch das Coronavirus entstanden ist, ist noch nicht bekannt, wann „Colectiv“ in unsere Kinos kommen wird. Auf jeden Fall sollte man sich diesen Dokumentarfilm vormerken und nicht verpassen.