MOSKAU
AP

Nowitschok und Co.: Zwei ehemalige sowjetische Nervengiftexperten berichten über die Forschung an tödlichen Kampfstoffen

Eine geschmacklose Flüssigkeit, tödlicher als alle chemischen Waffen, die es damals gab: A-234 wurde vor mehr als 40 Jahren in einem sowjetischen Geheimlabor ertüftelt, um dem Feind USA Paroli zu bieten. Wladimir Uglew war in der ersten Stunde dabei. Er habe das Nervengift 1975 als erster hergestellt, sagt der Wissenschaftler. Wie der Giftstoff für den Anschlag auf den russischen Exspion Sergej Skripal ins englischen Salisbury gelangt sein soll, darüber kann auch er nur spekulieren.

„Hunderttausende hätten mit dem, was ich produzierte, getötet werden können“, sagt der mittlerweile 71-Jährige im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. A-234 gehört zu der Gruppe der Nowitschok-Nervengifte. Großbritannien hat es als die Substanz identifiziert, mit der Skripal und seine Tochter Julia Anfang März in England vergiftet wurden, und die Spur zur Herkunft nach Russland gezogen.

Russland hat die Vorwürfe, hinter der Attacke zu stecken, scharf zurückgewiesen und sagt, dass sich auch die USA, Großbritannien und andere westliche Länder nach dem Ende der Sowjetunion die Expertise zur Nowitschok-Herstellung angeeignet hätten. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) bestätigte die britischen Angaben zur Identität des Giftstoffs, machte aber keine Angaben zum Ursprung. Uglew will nicht ausschließen, dass das Nervengift aus Russland kam. Sein Kollege Leonid Rink, ein anderer Wissenschaftler vom Fach aus Sowjetzeiten, stellt sich im AP-Gespräch indes hinter die Regierungslinie, wonach der britische Geheimdienst die Befunde verfälscht haben könnte. Beide sind sich aber einig, dass die Quelle des Kampfstoffs womöglich nie herausgefunden wird.

In der Kombination tödlich

Das Hauptforschungslabor für Nowitschok lag in Schichani im Südwesten Russlands, streng abgeriegelt vom Geheimdienst KGB. Das Programm für eine neue Generation chemischer Waffen habe in den 1970er Jahren begonnen, berichtet Uglew. Die Sowjets hätten den Binärwaffen der USA etwas entgegensetzen wollen, Waffen, bei denen sich relativ ungiftige Substanzen nach dem Abschuss zu einem hochgiftigen Gemisch verbinden. Bis Ende der 80er entstanden so eine Reihe von Stoffen, die Nowitschok, zu Deutsch „Neuling“, genannt wurden.

Auch die Forschung war hochgefährlich. Der Kontakt mit nur wenigen Milligramm - dem Gewicht einer Schneeflocke - war genug, um in wenigen Minuten zum Tode zu führen. Einmal habe er eine winzige Menge eines Nowitschok-Stoffs auf die Hand bekommen, berichtet Uglew. „Ich spülte meine Hände mit Schwefelsäure und hielt sie dann unter den Wasserhahn“, sagt er. Das sei die einzige Chance gewesen zu überleben. Ein Kollege, der sich 1987 vergiftete, starb fünf Jahre später. Im Salisbury-Fall könnten die Skripals angesichts ihrer fortschreitenden Genesung höchstens eine Mini-Dosis abbekommen haben, folgert Uglew.

Forschungsanstrengungen lohnten sich nur bedingt

Die Forschungsanstrengungen lohnten sich nach Worten Uglews nur bedingt für die Sowjetunion. Zwar seien einige Nervengifte tödlicher gewesen als die der USA, das Hauptziel, brauchbare Binärwaffen, sei aber nicht erreicht worden. Ganz überzeugt seien die Sowjetführer ohnehin nicht von Chemiewaffen gewesen und hätten das Atomprogramm in den Vordergrund gestellt.

Die Nowitschok-Stoffe seien nur in Laborquantitäten hergestellt worden und nie in Massenproduktion gegangen, erklären Uglew und Rink. Uglews Schätzung beläuft sich auf 100 Kilo für Forschung und Militärtests. „Es ist kaum vorstellbar, dass irgendwo eine bedeutende Menge übriggeblieben sein könnte, höchstens in den persönlichen Safes von Forschern, wo nicht mehr als 20 Gramm zulässig waren.“

Muster wurden auch in andere sowjetische
Labore geschickt. Und hier sieht Rink einen möglichen Schwachpunkt: Nach dem Zerfall der Sowjetunion könnte so Nowitschok-Gift ins Ausland gelangt sein, sagt er.

Giftstoffe könnten in falsche Hände gefallen sein

Russland ist der Chemiewaffenkonvention beigetreten, die chemische Waffen und deren Verbreitung verbietet, und hat im vergangenen Jahr den Vollzug der Vernichtung seines kompletten Chemiewaffenarsenals gemeldet. Rink, der bis 1997 in Schichani arbeitete, betont, dass US-Experten genau auf die Zerstörung auch kleinster Mengen der Nervengifte geachtet hätten.

Trotz aller Kontrolle könnten einige der Giftstoffe aber in falsche Hände gefallen sein, sagt auch Uglew. Sein Kollege Rink zieht noch ein weiteres Argument zur Entlastung seines Landes im Fall Skripal heran: Russland hätte doch kein Gift wie Nowitschok genommen, das leicht nachweisbar ist und mit dem es unweigerlich in Verbindung gebracht würde, meint er. „Nowitschok ist ein Markenname von Horror made in Russland“.