LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Wir Menschen sind Teil eines großen Ganzen. Erst wenn dieses Bewusstsein der Teilhabe am Gesamten erlangt wird, kann der Mensch sich selbst in seiner Reinheit und Freiheit erfassen, so die Lehre der Buddhisten.

Das Ideal dieses Bewusstwerdens umfasst also primär den Gedanken, dass der Mensch, sowie die Menschheit insgesamt, einem absoluten Zusammenhang zugehörig ist. Nach Kant wäre zum Beispiel der Begriff des Weltbürgers derjenige, der die Gleichheit der auf der Welt lebenden Menschen beschreiben würde. Nun geht die Lehre der Buddhisten aber deutlich weiter und beschreibt ebenfalls jedes Tier, jede Pflanze, jede Präsenz unserer Umwelt als einen unabdingbar gleichen Teil einer selben Welt. Die Form, die jedes einzelne Zugehörende annimmt, ist nicht von Wichtigkeit. So gibt es keine hierarchische Ordnung, nach der etwa die Menschheit dem Tier überlegen wäre, oder nach welcher der Christ dem Atheisten gegenüber bessergestellt wäre. Diese Denkweise umgeht von Anfang an die Idee einer Andersartigkeit oder einer Teilung der Weltbewohner, als Puzzleteile des großen Ganzen. In diesem Sinne ist das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur selben Welt von vornherein als Grundlage zu sehen, welches nicht erst gefördert oder ‚bewusstgemacht‘ werden muss. Denn nur dieses Bewusstsein ermöglicht es dem Menschen, dass er mit seinem Umfeld in Frieden und Glück leben kann.

Ist dieses Bewusstsein der Teilhabe gegeben, impliziert es aber eigentlich bereits einen weiteren Gedankengang. Sehe ich mich als Teil des Ganzen, geht dies mit der Einsicht einher, dass es neben mir auch noch andere Teile geben muss, die in ihrer Summe überhaupt erst das Ganze ausmachen können. Mich selbst als besseres oder wichtigeres Teil anzunehmen, ist nicht zu begründen. Jedes Teil hat sein eigenes Gewicht, jedes Teil spielt seine eigene notwendige Rolle im Gleichgewicht des Ganzen.

Nun ist es aber ein scheinbar menschlicher Drahtseilakt, den anderen zugehörigen Teilen nicht bewertend gegenüber zu treten. Ist es der Andere, der sich deutlich von mir unterscheidet, da seine Kultur von der meinen so verschieden zu sein scheint? Wird die Kluft zwischen mir und meinem Gegenüber scheinbar unüberwindbar, wenn uns Glaubensrichtungen voneinander unterscheiden? Verpassen wir den Moment, das Anderssein des Anderen als bloß formal und kontingent zu deuten, tappen wir in die Falle: Der Gedanke an das Anderssein des Gegenübers, welches sich bloß in einer anderen Lebensführung aufweisen lässt, ist der Grundstein für die Idee einer tatsächlichen Separation, durch die wir das Ich von dem Du deutlich abgrenzen. Problematisch wird es, wenn genau dieser Eindruck der Separation von meinem Mitmenschen die Sichtweise auf das Umfeld bestimmt. Wir - und dann die Anderen.

Vordergründig wird also auf einmal nicht mehr das ebenbürtige Miteinander der Weltbürger, sondern die Notwendigkeit des Tolerierens des Andersgläubigen, Andersfarbigen, Andersartigen neben uns. Mehr oder weniger bewusst legen wir also den Fokus hauptsächlich auf uns und innerhalb dieser Perspektive erfolgt dann das gnädige Dulden, das Tolerieren des Anderen. Der Gedanke der Toleranz schließt also unmittelbar den Gedanken einer vorhandenen Spaltung mit ein. Nicht umsonst wird von Toleranzgrenze und Toleranzschwelle der Organe gesprochen, welche andeutet, dass ab einem spezifischen Punkt die Belastbarkeit des Organs erreicht wurde, und man, sollte die Schwelle überschritten worden sein, eine Abwehrreaktion erwarten oder einleiten müsste. Ich toleriere dich bis zu diesem Punkt und dann muss ich mich wehren. Wir tolerieren Flüchtende bis zu einer gewissen Zahl, dann ist es nicht mehr auszuhalten.

Wehren wir uns aber in diesem Sinne gegen einen Teil unseres Umfeldes, der eigentlich nicht mehr oder weniger Wert oder Recht hat, als Teil dieses Umfeldes zu bestehen, entfernen wir uns meilenweit von einem Bewusstsein der Einheit und Zusammengehörigkeit des Weltganzen. An dessen Teilhabe erfreuen wir uns doch eigentlich alle, legt diese doch den Grundstein unserer Existenz.