LUXEMBURG
LUC SPADA

Vielleicht liegt es am zunehmenden Alter, der schnellere Weg zur Überforderung, aber die schier unendliche unaufhörbare Auswahl an Dingen und Sachen und Zeug ist zu einer regelrechten Bedrohung geworden.

Da stehst du im Supermarkt und brauchst Hygieneartikel. Du musst dich für einen einzigen entscheiden, vielleicht zwei. Doch beispielsweise mehr als zwei Seifen im Badezimmer stehen haben, erinnert zu sehr an Studentenzeiten. Wer will schon Studentin sein, außer Studenten? Da standen dann immer die ganzen Billig-Körperduschcremes durchs ganze schmuddelige Badezimmer verteilt: Caribbean Lotion, Coco Irgendwas und die unvermeidbare Sport-Variante von irgendwas, weil die immer mit hübschen Frauen und Männern beworben wurde. Ich seifte mich stundenlang damit ein, aber das Resultat am Ende war nie mit den Protagonisten in der Fernsehwerbung vergleichbar. Was für ein Beschiss. Da gab es mal eine Zeit, da hatte ich mich für ein Duschdings entschieden, aber dann las ich, dass diese Marke SEHR BÖSE ist und Plastik, Metall, Kupfer, was weiß ich, drin ist, und seitdem suche ich eine neue „Stammduschseife“. Ohne Plastik, ohne Benzin, ohne Tierversuche, ohne Menschenhandel. Angeblich sind Seifen allgemein sehr böse. Könnte da nicht einfach mal politisch entschieden werden, alle bösen Seifen zu verbannen, dann bräuchte Mensch sich nur noch zwischen den übrig gebliebenen Waschhilfen zu entscheiden.

Kurze Zeit später stehst du beim Bäcker und willst ein Brot. Nicht weiß, weil weiß macht dick und wer will schon ein dicker Weißer sein? Also Schwarzbrot, was auch sonst? Schwarz ist gesund, hat die Ernährungsberaterin mir gesagt, als ich 17 war. Doch auch von dieser Sorte gibt es mehrere Sorten, Bauernbrot, Mehrfachkornbrot, Superbrot, Sonnenblumenkernbrot, ich möchte alle kaufen. Dazu fehlt mir das Geld. Also nur ein Brot. Oder doch Brötchen, aber mit welchen Kernen drauf?

Ich habe Hunger, laufe ins nächstbeste Imbissding. Make it yourself: Welche Sorte Brot? (Schon wieder?) Schwein, Rind, Schaf, Tofu? Chili, Kurkuma, Madagascar-Fever oder Haussoße auf Quinoa-Basis? Salat, Gurke, Tomate oder alles zusammen? Zwiebeln? Ich spazier wieder raus, will Schokolade… dunkel, weiß, schwarz, mit Johannisbeeren oder Banane? Dann eben nicht. Ich entscheide, nichts zu essen.

Auf dem Weg nach Hause sehe ich ein Plakat mit der Aufschrift „Du hast die Wahl“. Wenn heutzutage etwas nicht ok ist, dann ist es nicht selbst entscheiden zu dürfen. Das ist gut. Nicht gut ist die damit verbundene kapitalistische „Zeug auf den Markt werfen“-Wut.

Es wäre an der Zeit diesen einen Spruch „Qualität über Quantität“ wirklich ernst zu nehmen. Es braucht keine fünf Billig-Airlines, keine reicht völlig. Es muss keine fünf verschiedenen Marken für Erdnüsse geben. Es muss keine hundert verschiedenen Varianten von Autos geben, klein und etwas größer ist genug. Und dann wird das auch wieder was mit Eigeninitiative und Kreativität unter Menschen, Klimawandel und Zeit für wichtigere Unterfangen wie Familie, Entspannung und sich mit weniger zufriedengeben.