MAMER
CORDELIA CHATON

Khashayar Pazooki behandelt im Traumainstitut in Mamer Patienten fast nur noch im Zusammenhang mit Corona - und weiß, was hilft

Die Experten, die im Traumainstitut in Mamer Patienten behandeln, kennen sich bestens mit den Themen Traumata und Krisen aus. Seit dem Ausbruch des Coronavirus hat sich ihr Alltag verändert. Nicht nur, weil Stammpatienten nur noch per Skype behandelt und Neuaufnahmen per Videokonferenz akquiriert werden, sondern auch, weil die neuen Regeln der sozialen Distanzierung eine große Wirkung haben. Fast alle Patienten sind damit beschäftigt; es gibt viele Ängste. Corona verschiebt alle anderen Sorgen auf die hinteren Plätze, sagt Khashayar Pazooki. Der Neurowissenschaftler, Psychotherapiewissenschaftler und Traumaexperte erklärt, welche Folgen die Krise hat und wie man damit umgehen kann.

Herr Pazooki, welche Folgen haben die durch den Coronavirus bedingten Regeln?

Kashayar Pazooki Sie wirken auf vielen Ebenen. Alles hängt von der genetischen und psychischen Prädisposition sowie von der Anfälligkeit der Person als auch von ihrer Persönlichkeit ab. Diesmal sind es eher die extrovertierten Menschen, die leiden, da ihr Bedarf an Bindung und Gesellschaft viel höher ausgeprägt ist. Die Veränderungen im Alltag bedürfen einer Adaptation. Damit stellt uns die Isolation vor eine neue Herausforderung. Nicht mehr arbeiten zu gehen und mit Mitmenschen keinen Kontakt mehr zu haben, hat eine massive zeitliche und inhaltliche Veränderung der Lebensstruktur zu Folge und führt zum Bruch mit geschätzten Ritualen. Viele wissen mit der Zeit nichts mehr anzufangen, manche sind unfähig, sich neu zu organisieren. Die soziale Isolation ist im Endeffekt die Nichterfüllung des wichtigsten psychologischen Grundbedürfnisses. Bei manchen Menschen entsteht eine zunehmende Betonung des Negativen. Das geht bis hin zu Angstzuständen, Verunsicherung, Ohnmacht, Einsamkeit, Traurigkeit und Aggressivität. Dann folgt Stress.

Aber das ist doch nur vorübergehend?

Pazooki Bindung und Kontakt zu anderen Menschen sind auch wichtig für den hormonellen Haushalt. Der Stress wirkt sich äußerst negativ aus und schwächt unser Immunsystem. Bei vermehrtem Stress kann es zu einer übermäßigen Produktion von Stresshormonen kommen, was zu einer Defragmentierung eines gesunden Gehirns führen und auch irreparable Schäden verursachen kann. Je nach Prädisposition kann sich daraus eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln, welche verheerende Folgen für die Gesundheit zur Folge hat.

Was können wir tun, was kann der Staat noch tun, damit es nicht kracht?

Pazooki Persönlich bin ich überzeugt, dass es bereits in dieser ersten Phase der Epidemie an psychologischer Unterstützung arg fehlt. Der Staat und die verantwortlichen Stellen hätten sowohl der Bevölkerung, als auch den betroffenen Berufen mehr psychologische Unterstützung anbieten müssen. Aus meiner Ausbildung in Österreich, das bei diesem Thema sehr viel weiter ist, kann ich nur dazu raten, jetzt schon konkreter aktiv zu werden: durch die sofortige Zusammenstellung von Kriseninterventionskräften in multidisziplinären Teams. Hier sollten Psychologen, Psychotherapeuten, Ärzte, Krankenschwestern, alle mit einer Ausbildung in der Traumatherapie und Krisenintervention, vertreten sein. Diese Teams sollten sowohl in Notfallzentren als auch in mobiler Form einsatzbereit sein und auch sonstige Einsatzkräfte unterstützen.

Das kostet Geld.

Pazooki Ja, deshalb sollte ein Fonds für die finanzielle Unterstützung therapie-und interventionsbedürftiger Menschen eingerichtet werden oder der Staat könnte für diese Kosten aufkommen. Weitere Maßnahmen wären sinnvoll, die ich hier nicht alle aufzählen kann. Aber ich stehe den Zuständigen gern in beratender Funktion zur Verfügung.

Was tut Ihr Institut?

Pazooki Das Traumainstitut Luxemburg hat bereits das Kontingent erhöht und steht für die Pro-bono-Aufnahme und therapeutische Interventionen von folgenden Personen zur Verfügung: Ärzte und Pflegepersonal von Corona-Patienten, die dort eingesetzten Rettungskräfte, Polizisten und Psychologen, aber auch Menschen an der Supermarktkasse. Wir prüfen die Fälle und behandeln gemäß unserer Möglichkeiten.
Strategien gegen Corona-Stress
- Erstellen Sie eine Liste über das, was Ihnen fehlt - vor allem psychisch

- Erstellen Sie ebenfalls eine Liste aller Dinge, für die Sie nie Zeit hatten und die Sie immer gerne tun wollten

- Treten Sie über Telefon und sozialen Medien in Kontakt mit anderen Menschen, vor allem mit Freunden und Bekannten sowie mit Ihrer Familie

- Verbringen Sie nicht den ganzen Tag vor dem PC oder am Handy

- Skype-Videokonferenzen, WhatsApp Gruppen, Facebook-Gruppen etc. können nützlich sein

- Suchen Sie sich Hobbies und Beschäftigungen, die innerhalb des Hauses, der Garage oder im Garten möglich sind

- Reduzieren Sie Ihren Alkoholkonsum

- Ernähren Sie sich öfter als sonst von Gemüse und Obst

- Kochen Sie abwechselnd für sich und andere in ihrem Haushalt

- Wechseln Sie sich bei der Hausarbeit in den Aufgabenbereichen ab

- Treiben Sie öfters Sport und sorgen Sie für viel Aktivität und Bewegung

- Schaffen Sie sich geistige Aufgaben wie Gesellschaftsspiele, Schach oder Rätsel

- Halten Sie einen gesunden Schlaf-Rhythmus ein und gehen Sie nicht zu spät ins Bett

- Bitte achten Sie darauf, ob Sie eventuell professionelle Hilfe benötigen und warten Sie nicht zu lange damit