CORDELIA CHATON

Ganz Luxemburg ist erschüttert von den Schicksalen jener Frauen, die als Opfer sexueller Gewalt im Zentrum der Veranstaltung „Stand Speak Rise Up!“ stehen. Zu Recht. Es ist ein Ausnahme-Event, und der Großherzogin gebührt höchster Respekt dafür, dass und wie sie sich für die Opfer einsetzt.

Wir haben 2019, feiern hundert Jahre Frauenwahlrecht in Luxemburg - und doch reißen die Schlagzeilen, Gewalttaten und Drohungen gegen Frauen nicht ab. Nur eine kleine Auswahl der letzten zwei Wochen: Da wird in Indien eine Zwölfjährige von Brüdern und Onkel vergewaltigt und, als sie mit der Polizei droht, erwürgt, enthauptet und weggeworfen. In Frankreich gibt es einen MeToo-Skandal in der Klassikwelt. Musikerinnen wollen sich nicht mehr fragen lassen, mit wem sie geschlafen haben, um ein Konzert zu geben - und das schon gar nicht tun müssen. In Großbritannien hat der Versicherer Lloyd’s eine anonyme Whistleblower-Hotline für Opfer sexueller Belästigung eingerichtet, nachdem ein Bloomberg-Report schwerwiegende Probleme in der Branche offengelegt hat. Die Fälle waren so schlimm, dass Lloyd’s von lebenslangen Sperren spricht.

Und in Luxemburg, einem von sechs Ländern weltweit, in dem die Frauen laut Weltbank die gleichen Rechte haben wie die Männer, suggerierte mir ein Kollege mit Blick auf meine flachen Schuhe, er fände Frauen mit hohen Absätze mehr sexy, hat ein Bankenchef von dem „charmanten Empfang“ für Kunden durch Mitarbeiterinnen gesprochen, berichtet eine Frau mir von den alltäglichen frauenfeindlichen Witzen an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz, an dem ihre Kritik als Mangel an Humor abgetan wurde.

Und da fragt ein junger Luxemburger mich doch tatsächlich, warum wir den Tag der Frau noch brauchen. Als frisch gebackener Vater einer Tochter wird er das verstehen, wenn diese ins Berufsleben eintritt und der Kampf um Macht und Hierarchien losgeht.

Man fühlt sich an Yoko Onos Zeile „Woman is the Nigger of the World“ erinnert. Wirklich schlimm jedoch ist der Einfluss von Technologie auf Frauen, vor allem im Internet. 90 Prozent der Wikipedia-Autoren sind Männer - und die ehrenamtliche Plattform hat ein großes Problem mit Frauen-Bashing in allen Formen. Noch schlimmer ist es bei Youtube, das unter Fachleuten als gigantische Radikalisierungsmaschine gehandelt wird. Das liegt am verwendeten Algorithmus. Wenn jemand sich Videos ansieht, die Feminismus kritisieren, empfiehlt Youtube bald extreme Inhalte. Und es dauert nicht lang, dann sind sie rechtsextrem. Manch schwacher Charakter lässt sich davon überzeugen und gerät in ein regelrechtes Paralleluniversum. So viel zu der in dieser Woche oft zitierten Freiheit des Internets.

In Luxemburg haben wir mehr Glück. Think Tanks wie „Equilibre“ setzen sich dafür ein, dass mehr Frauen auf dem Podium sitzen - und haben East Capital aus Hong Kong, den Bankenverband ABBL und die Kanzlei Wildgen überzeugt. Auf den Punkt gebracht aber hat es der Arzt und Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege, der als Gast von „Stand Speak Rise Up!“ betonte, wie wichtig es ist, dass schon kleine Jungen mit einer positiven Männlichkeit aufwachsen - sprich normal - und nicht mit einer toxischen, abwertenden.