ESCH/ALZETTE
SVEN WOHL

Zum hundertjährigen Bestehen befasst sich die Bibliothek von Esch mit ihrer Vergangenheit und möchte den Weg in die Zukunft finden

Die wenigsten kulturellen Institutionen des Großherzogtums können von sich behaupten, ein Jahrhundert alt zu sein. Die städtische Bibliothek von Esch darf tatsächlich auf so viele Jahre - zumindest als öffentliche Bibliothek - zurückblicken. Damit ist sie nicht nur Teil der Escher Geschichte, sondern auch ein Spiegelbild dessen Entwicklung und Gesellschaft.

Das hundertjährige Bestehen wird genutzt, um einen Rückblick zu machen. „Ziel ist es, alles aufgearbeitet zu haben und in einer Ausstellung zu präsentieren“, erklärt Tamara Sondag, Bibliotheksleiterin, bei unserem Besuch. Die Bibliothek hat ihr aktuelles Zuhause in einer Villa in der Rue Emile Mayrisch. Dies war nicht immer der Fall, denn die Geschichte der Bibliothek ist genauso bewegt, wie die seiner Stadt. Nachdem die Schulbibliothek 1892 gegründet wurde, verwandelte sie sich am 18. November 1909 zur Volksbibliothek. Erst ab dem 2. März 1920 wurde die Bibliothek zur Stadtbibliothek. Nach zweimaligem Aufenthalt in der Villa Laval, unterbrochen durch die Verlegung in die „Kreisleitung“ während der Nazi-Besatzung, fand sie schließlich 1946 ihr heutiges Zuhause: Die Villa Deitz. „Es ist ein Stück Esch, ein Stück Geschichte“, schließt daraus Jan Guth, Verantwortlicher für die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Vision für die Zukunft wird ausgearbeitet

Das lange Bestehen im Herzen Eschs führt auch dazu, dass viele Menschen aus der Stadt Erinnerungen und Andenken an die Bibliothek aufbewahren. Zum hundertjährigen Bestehen möchte man dies nun sammeln und auch in der Ausstellung verarbeiten. Jan Guth weiß allerdings auch: „Wenn die Ausstellung zu Ende geht, wird damit längst nicht die Geschichte der Bibliothek abgeschlossen.“ Denn hier wird bereits eifrig an einer Vision für die Zukunft gearbeitet: Im Juni wird eine erste Debatte mit Fachpersonal veranstaltet. „Wir wollen ermitteln welche Wünsche und Anforderungen die moderne Gesellschaft an eine öffentliche Bibliothek hat“, erläutert Tamara Sondag. Den Kindern und Jugendlichen kommt da eine besondere Rolle zu: Sie sollen die perfekte Bibliothek zeichnen und malen und so eine besonders bunte Inspirationsquelle liefern. Leider würden sehr viele Kinder eine Bibliothek zunächst mit einem Ort der Ruhe und Autorität verbinden. „Das ist schade“, meint Jan Guth. „Eine Bibliothek könnte das Herz einer Stadt werden, ein Treffpunkt für Menschen sein. Wo Gesellschaften aufeinander prallen und eine gemeinsame Basis finden.“

Eine Bibliothek ist in der heutigen Gesellschaft ein besonderer Ort, der in seinem Konzept gewissen Trends zu widerstehen scheint, während er anderen weit voraus ist. „Wir erwarten keinen Konsum, wir wollen nicht verkaufen“, erläutert Tamara Sondag. Ein Konzept, das im direkten Widerspruch zur fortschreitenden Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes steht. Gleichzeitig ist eine öffentliche Bibliothek im Grundsatz eine egalitäre Institution: „Jeder kann kommen, unabhängig von Alter, Aussehen und Herkunft.“ Jan Guth ergänzt: „Hier bist du keine Nummer für uns“ und betont die durchaus direkte und persönliche Beziehung zu den Besuchern der Bibliothek.

Die Bibliothek ist jedoch nicht nur eine Zeitkapsel und ein Ort der Literatur und des Wissens. Es ist gleichzeitig ein Ort der Begegnung und wächst mit seiner Umgebung wie auch seinen Besuchern. Esch, das sich mittlerweile zu einer Studentenstadt gemausert hat, hat im Universitätsviertel eine topmoderne Universitätsbibliothek. Dennoch kommen zahlreiche Studenten auch in die städtische Bibliothek, teils weil das Angebot ein anderes ist, teils weil Abwechslung manchmal Not tut. „Es ist hier einfacher, sich zurückzuziehen“, bestätigt Tamara Sondag, wobei auch Flüchtlinge sich hier wohlfühlen. In ihren Strukturen müssen sie sich den Lebensraum oft mit vielen anderen teilen. Wer sich fortbilden möchte, kommt also in die Bibliothek, wo ihm der Platz dafür geboten wird.

Drehpunkt für Menschen, die etwas bewegen wollen

Ein anderer Aspekt, der eine bemerkenswerte Entwicklung erfahren hat, ist die Zusammenarbeit mit anderen kulturellen Institutionen. Vor dem Hintergrund von Esch 2022 hat diese noch zusätzlich an Fahrt gewonnen. „Einer ergänzt den anderen.“, lautet hier die Devise für Jan Guth. Denn die Bibliothek sei seit jeher ein „Drehpunkt für Escher, die auch auf anderen Orten in der Stadt Dinge bewegen“ gewesen.

Wer durch die Bibliothek von Esch streift und die teils eng beieinander stehenden Regale erkundet, wundert sich, ob das Personal sich nicht einen eigenen, neuen Bau wünscht. „Wer träumt nicht davon? Aber das ist ein zweischneidiges Schwert: Das Gebäude hier hat einen einzigartigen Charme, aber auch seine Grenzen“, erklärt Tamara Sondag. Ein eindeutiger Nachteil der aktuellen Infrastruktur sei jedoch, dass er nicht barrierefrei sei. Umbauarbeiten würden sich in dieser Hinsicht äußerst umfangreich gestalten. Die Bibliothek versucht dem durch ihre Angebote, beispielsweise mit „E Buch op Rieder“, das sich gerade in der Testphase befindet, Abhilfe zu leisten. Des Weiteren wurden in den letzten Jahren diverse Renovierungsarbeiten vorgenommen um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Nutzer entgegen zu kommen

Im Keller des Gebäudes findet man dann ein Angebot, das nicht unbedingt in jeder regionalen Bibliothek zu finden ist: Comics, Manga und CDs wie auch einige DVDs sind hier zu finden. Eine gewisse Nostalgie ist mit den Audio-CDs bereits verbunden. Die Gestelle stammten direkt aus dem letzten CD-Laden der Stadt und wurden nach dessen Schließung übernommen. Ein kleines Versatzstück Kreislaufwirtschaft also. Jan Guth deutet auch an, dass man eventuell sogar auf Vinyl zurückkommen möchte, scheint sich hier allmählich ein neues Interesse aufzubauen.

Ein mögliches Projekt, welches den Verantwortlichen der Escher Bibliothek für die Zukunft am Herzen liegt ist die Möglichkeit der Ausleihe unter Bibliotheken, eine Art nationale Fernleihe also. Da mittlerweile aber um die 90 Bibliotheken im nationalen System verortet sind, kann dieses Mammutprojekt nur auf nationaler Ebene in Zusammenarbeit mit der Nationalbibliothek in Angriff genommen werden. Es benötigt einerseits die Anpassung der internen Regeln der einzelnen Bibliotheken, sowie auch einer gewissen Infrastruktur was den Transport der Bücher angeht. Doch in Esch packt man auch bei großen Aufgaben gerne mit an.