LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Rutschende Bauschuttdeponien - Fehlende Bauschuttdeponien - Rekordmenge an Erdaushub

Zu den Aufreger-Themen in diesem Jahr gehörte auch der Bauschutt. Zuerst wollte ihn niemand haben und dann fiel er einigen Leuten auch noch mächtig vor die Füße. Schon seit einigen Jahren wurde davor gewarnt, dass ein Mangel an Deponien den luxemburgischen Bauboom nachhaltig stoppen würde. Da wurde zwar Ursache mit Wirkung verwechselt aber es war klar, dass sich etwas tun musste.

In das öffentliche Bewusstsein drang die Causa Bauschutt aber erst, als sich die Deponie Monnerich eigensinnig einen neuen Weg suchte und sich am 13. März mächtig in Bewegung setzte. Ein veritabler Erdrutsch, der nicht nur die Bürger beunruhigte, sondern auch die Politik zum Wirbeln brachte. Dabei hatten alle noch Glück, der Bereich der leicht radioaktiven CASA-Schlacken, die auch in Monnerich deponiert wurden, war nicht ins Rutschen gekommen.

Ratlosigkeit im März

In einer ersten öffentlichen Stellungnahme Mitte März betonte die junge Umweltministerin Carole Dieschbourg die gute Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Verwaltungen auf staatlicher und kommunaler Ebene, um die „katastrophale Situation“ zu meistern. Außerdem stellte sie fest, dass das vom Umweltministerium durchgeführte Genehmigungsverfahren für die Bauschuttdeponie korrekt ausgeführt wurde. Die Ursache für den massiven Erdrutsch, der nach Schätzungen eine Million Kubikmeter umfassen kann, sei immer noch nicht klar, so ihre Aussage im März. Den Satz über die Korrektheit des Verfahrens muss man sich merken.

800.000 Tonnen Bauschutt pro Jahr

Dieschbourg nannte das Kind aber gleich beim richtigen Namen: Das Geschehen um die Deponie sei ein „Warnschuss“, Bauschutt sei zwar nicht umweltgefährdend aber Luxemburg habe immer noch ein großes Bauschuttproblem, weil man schlicht über zu wenige Deponien verfüge. Jährlich fallen laut Umweltministerin 800.000 Tonnen Bauschutt an. Man müsse gemeinsam mit der Bauwirtschaft die aktuelle Art des Bauens überdenken,

Es kann dauern

Bei einer Pressekonferenz im Mai hieß es dann, zwei Teams seinen mit der Untersuchung der Rutschung beschäftigt und versuchten zu klären, wieso und warum sich die Erd- und Bauschuttmassen in Bewegung gesetzt haben. Damals hieß es, dass es noch Monate dauern werde bis man zu gesicherten Erkenntnissen kommen würde.

So hatte eines der Ingenieurbüros 54 Messpunkte entlang der Bruchkante und auf dem Gleitkörper (also auf dem gerutschten Material) installiert um eine mögliche Bewegung des Hangs registrieren zu können. Weitere Instrumente wurden aus demselben Grund vor der Rutschung installiert. Der im Gefahrenbereich stehende Mast einer Überlandleitung wird ebenfalls durch Sensoren überwacht. In den nächsten Monaten sollten Bohrungen und geophysikalische Untersuchungen durchgeführt werden.

Auf tönernen Füßen

Anfang Oktober war es dann soweit. Laut Expertenteam haben die „Schollen“ den angelegten Begrenzungswall aus Schlacke nicht platt gemacht oder zur Seite geschoben, sondern Schutzwall und dahinter liegendes Deponiematerial sind gemeinsam ins Rutschen gekommen. „Die Gleitfuge hat sich unter dem Wall durchgezogen“, so ein Experte. Unter der Deponie liegen fünf verschiedene Erdschichten. Die obersten vier werden von Ton in verschiedenen Verfallsstufen und unterschiedlicher Stabilität gebildet, die unterste ist Fels. Zwei dieser Schichten (3 und 4) sind dauerhaft wasserführend, der so genannte Tonschluff (Schicht 2) ist nur temporär wasserführend.

Rein technisch gesehen war es kein Einzelereignis, das zur Rutschung führte, sondern der warme und regenreiche Winter 2013/2014, der für einen eklatanten Anstieg des Grundwassers sorgte. Der Tonschluff hat daraufhin seine „Scherfestigkeit“ verloren, ausgerechnet unter dem aufgeschütteten Schlackewall gab die, einfach ausgedrückt, nasse Pampe, nach der Berg begann zu rutschen.

Zwar meint die Politik „Wir suchen keinen Schuldigen“ , aber aufgrund der hohen Kosten wird sich diese Aussage rein juristisch nicht halten lassen. Der Knackpunkt wird ein Gutachten aus der Zeit der Genehmigung der Deponie sein, das Umweltverwaltung und Betreiber versicherte, dass der Untergrund die Belastung von tausenden Tonnen Bauschutt tragen wird.

Wir brauchen ein anderes Bauen

Wer sich dem Thema Bauschuttdeponie von Grund auf widmen will, muss man zunächst mal über Eisberge reden. Der Begriff beschreibt einen Bürogebäudetyp, der für Luxemburg mittlerweile prägend ist. Da man In Luxemburg, mit Ausnahme des Kirchbergs, bei der Genehmigung von hohen Gebäuden oder gar Hochhäusern sehr restriktiv ist, haben sich Bauwirtschaft und Bauherren einen Ausweg gesucht. Nach unten. Nach unten in Erdreich, Geröll und Fels. In der Praxis heißt das: Zu den fünf oberirdischen Geschossen kommen noch einmal fünf unterirdische dazu. Eine typisch luxemburgische Lösung Wobei man hier auf eine Begriffsverwirrung aufmerksam machen muss. In der Debatte um die Deponien, wird immer nur von Bauschutt geredet, doch die größte Menge des „Deponieguts“macht nicht der Schutt von abgerissenen Häusern, Hallen und Straßen aus, sondern der Erdaushub aus der Baugrube

Laut Aussagen der Bauwirtschaft wird in Luxemburg bereits recycelt was zu recyceln ist, der Rest muss deponiert werden. Der echte Bauschutt macht daher nur einen geringen Teil dessen aus, was zur Deponie gefahren wird. Wer die nebenstehende Tabelle aufmerksam liest, die wir schon einmal veröffentlicht haben, wird sich schämen, denn die Luxemburgische „Produktion“ von Erdaushub ist geradezu unanständig hoch. 2010 waren es mehr als 16 (!) Tonnen pro Kopf.