BEIRUT
JAN KUHLMANN/DPA

Beirut kommt nur schwer wieder auf die Beine

Gerade lächelt sie noch leicht, als wäre die ganze Sache nicht allzu schlimm. Ihre Wohnung oben unterm Dach - hohe Decken, breiter Balkon, Blick aufs Meer - ist völlig zerstört. Die Detonation im Hafen von Beirut hat die Scheiben zerfetzt, die Holztüren herausgefegt, die Wände eingedrückt, das Dach aufgerissen. Man müsse jetzt sachlich bleiben, sagt Marie-Rose Tobagi tapfer. Dann, von einem Moment auf den anderen, bricht sie in Tränen aus.

Viele Überlebende sind traumatisiert

Sie senkt den Kopf, presst die Augen zusammen und ringt nach Worten. „Ich habe dieses Haus so geliebt“, flüstert die 58-Jährige. „Mit all seiner Geschichte. So etwas werde ich nie wieder finden.“
Ihr Haus, das ist eine dreistöckige Villa im Beiruter Viertel Mar Mikhael, vom Großvater im Jahr 1898 gebaut. Marie-Rose Tobagi hat ihr ganzes Leben hier verbracht. Es liegt nur wenige hundert Meter entfernt vom Ort der verheerenden Explosion, die vor genau einem Monat mit ihrer Druckwelle Beirut in Mark und Bein erschüttert hat.
Die Detonation war so gewaltig, dass sie nicht nur große Teile des Hafens in Trümmer aus Stahl und Steinbrocken legte, die aussehen, als gehörten sie zu einem bizarren surrealen Gemälde. Schwer erwischt hat es auch die umliegenden Wohngebiete, die bekannt sind für ihre alten Gebäude, die Bars, die Restaurants und die kulturellen Einrichtungen. Mar Mikhael und die Nachbarviertel, sie sind das Herz Beiruts. Und manche befürchten, es könnte nie mehr so schlagen wie früher.
Überall laufen Helfer über die Straße, mit Besen und Werkzeugen in der Hand. Auf den Bürgersteigen verteilen Freiwillige Essen und Trinken. Hämmern ist zu hören, Sägen und Klopfen. Die Scherben unten auf den Straßen sind mittlerweile weggefegt. Doch einen Monat nach dem Alptraum kommt Libanons Hauptstadt nur schwer auf die Beine. Der Schock sitzt immer noch tief in den Seelen und Knochen der Menschen.
Viele Überlebende sind traumatisiert. Sie haben Blut und Tote gesehen. Oder waren dem Tod selbst nah. Marie-Rose Tobagi steht an ihrem Balkon, als die Druckwelle der Detonation über Beirut fegt. Sie spürt etwas im Gesicht, auf der Stirn. „Dann bin ich ohnmächtig geworden“, erzählt sie. Hätte sie einen Schritt weiter am Balkon gestanden, wäre ihr ein riesiger Stein auf den Kopf gefallen. Ein anderer gewaltiger Brocken liegt auf ihrem mit Schutt übersäten Bett. Genau auf dem Kopfkissen. Jetzt nimmt sie manchmal abends eine Tablette, um schlafen zu können.
Die Explosion vertieft auch den ohnehin schon großen Graben zwischen den Mächtigen des Landes und einem Volk, das seit Monaten ohnehin mit einer schweren Wirtschaftskrise kämpft und sich in der Not allein gelassen fühlt. Maroun Karam, 29, sieht erschöpft aus an diesem Tag, er schwitzt und trinkt eine Flasche Wasser fast in einem Zug aus. Tropfen fallen auf sein schwarzes T-Shirt, auf dem das Motiv der Guy-Fawkes-Maske prangt, Symbol für den Kampf gegen die Regierenden.
Maroun Karam ist politischer Aktivist und Mitbegründer der Initiative „Baytna baytak“ („Unser Haus ist dein Haus“), die die Opfer unterstützt. Sie schickt Ingenieure und Helfer, die beschädigte Häuser begutachten und - wenn möglich - reparieren. Neben einer zerstörten Werkhalle haben sie in Mar Mikhael ein Camp errichtet.
Wie viele andere hier erzählt auch Maroun, dass vom Staat keine Unterstützung komme. Und selbst wenn dieser Hilfe anböte, würde Karam den Kopf schütteln. „Unter keinen Umständen“ würde er sie annehmen, sagt er, „unter keinen Umständen“. Denn der Staat würde ohnehin nur die üblichen korrupten Firmen schicken, die die Hand weit aufhielten.
Auch Maroun hat die Explosion schwer erwischt. Die Wohnung zerstört, das Büro auch, drei Freunde kamen ums Leben. Für ihn geht es jetzt nicht nur um den Wiederaufbau. Maroun will die politische Elite des Landes stürzen, in der viele Libanesen einen korrupten Klüngel sehen, der sich selbst bereichert. So führt die Wut der Opfer direkt zu Anti-Regierungs-Protesten, bei denen Maroun seit Monaten immer wieder ganz vorne dabei ist. Ein Bild zeigt ihn in martialischer Pose, Hut auf dem Kopf, mit Axt in der Hand. „Ich war immer zivilisiert“, sagt er. „Aber nach der Explosion bin ich so wütend geworden.“

Ein Auf und Ab der Emotionen

Die Beirutis, wie die Einwohner genannt werden, durchleben ein Auf und Ab der Emotionen. So wie Niamh Fleming Farrell, Mitbesitzerin des Cafés „Aaliya‘s Books“, das bei der Explosion völlig verwüstet wurde. Zwei hilfsbereite Nachbarn versuchen sich drinnen gerade an Schweißarbeiten. Niamh steht vor der Tür und schaut aus runden leeren Augen zu. Ihre Stimmung wechsele von einem Tag auf den anderen, sagt die 36 Jahre alte Irin. „An einem Tag bin ich optimistisch. Am nächsten frage ich mich, was ich hier eigentlich noch mache.“
Marie-Rose Tobagi lächelt wieder ein wenig, nachdem sie sich die Tränen aus den Augen gewischt hat. Ingenieure haben das Haus begutachtet und Arbeiter neue Stützen unter die Fenster und Decken gesetzt, damit das Gebäude nicht einstürzt. Mehr als 600 solcher alten Häuser sind in den betroffenen Vierteln beschädigt geworden, Beiruts kulturelles Erbe, das nun irgendwie gerettet werden muss.
Seit ein paar Tagen darf Marie-Rose Tobagi wieder in den dritten Stock, um das abzuholen, was noch heil geblieben ist. Die Wohnung sei immer so schön hell gewesen, schwärmt sie. „Die Sonne kam von allen Seiten.“ Auf dem Balkon hat sie Grünpflanzen gepflegt.
Als sie nach der Explosion am Boden liegt und wieder zu Bewusstsein kommt, sieht sie durch das aufgerissene Dach den Himmel. „Da habe ich verstanden, dass das das Ende dieses Hauses ist“, sagt sie leise. Ja, das Gebäude ließe sich vielleicht wieder aufbauen, möglicherweise besser als vorher. „Aber es wird nicht mehr dasselbe sein.“