LUXEMBURG
JEFF KARIER

Professor Doktor Claus Vögele gibt Einblick in unseren Schlaf und das damit verbundene Träumen

Der Mensch verbringt statistisch gesehen im Durchschnitt rund ein Viertel seines Lebens mit Schlafen. Während diesem erholt sich der Körper von den Strapazen des Tages. „Die Annahme, dass das Schlafen auch ein zur Ruhe kommen und Abschalten des Gehirns ist, ist jedoch vollkommen falsch. Im Gegenteil: das Gehirn ist während des Schlafs sehr aktiv“, erklärt Prof. Dr. Claus Vögele, Professor für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Universität Luxemburg.

Lëtzebuerger Journal

Mehrere Zyklen pro Nacht

Die Zeit in der wir schlafen, lässt sich in vier verschiedene Phasen einteilen: die Einschlafphase, die Leichtschlafphase, die Tiefschlafphasen sowie die REM-Phasen. „Die für das Träumen bedeutenden Phasen sind dabei die REM-Phasen, was für ‚Rapide Eye Movement‘ steht. Denn während dieser bewegen sich die geschlossenen Augen schnell hin und her.“ Im Laufe des Schlafes wiederholen sich die Phasen in Zyklen mehrfach pro Nacht. Ein vollständiger Zyklus dauert etwa anderthalb Stunden. Davon entfallen etwa 50 Minuten auf die Einschlaf- beziehungsweise Leichtschlafphase. Tiefschlaf und REM-Phase machen etwa 40 Minuten dieses Schlafzyklus aus.

Bemerkenswert ist, dass die verschiedenen Schlafphasen durch besondere elektrische Zustände im Gehirn gekennzeichnet sind. Diese lassen sich in Form von Gehirnwellen durch ein Elektroenzephalogramm (EEG) erfassen und in verschiedene Frequenzbereiche einteilen. „Die besonders niederfrequenten treten in den Tiefschlafphasen auf.“ Dadurch lassen sich die Schlafphasen eines Menschen recht einfach feststellen, was bei der Behandlung etwa von Schlafstörungen aufschlussreich sein kann.

Lahmlegung des Körpers

Ein Forscher, der in den Bereichen Schlaf und Träume viel geleistet und eine besondere Bedeutung hat, ist Allan Hobson, mit dem Vögele bereits zusammengearbeitet hat. Dieser ist besonders für seine Untersuchungen zum REM-Schlaf bekannt. So stellte dieser unter anderem fest, dass während der REM-Phasen besondere Umstellungen in den Neurotransmittern stattfinden. Dies sind Botenstoffe im Gehirn, die die verschiedenen neuronalen Netzwerke miteinander verbinden. Sie geben Erregungen von einer Nervenzelle an andere Zellen weiter. Im Wachzustand sind dies Stoffe wie Dopamin, Serotonin oder Noradrenalin. „Wenn wir anfangen in diese REM-Phase zu kommen, stellt sich dies um auf das Acetylcholin. Das hat dann verschiedene Effekte. Zum Beispiel, dass wir uns während der REM-Phase nicht bewegen können“, führt Vögele aus.

Diese Art von absichtlicher Lahmlegung des Körpers, scheint einen guten Grund zu haben. Denn Schlafforscher gehen davon aus, dass wir während des REM-Schlafs Trauminhalte aktivieren, bei denen es gefährlich wäre, wenn wir uns dazu bewegen könnten. Man würde um sich schlagen oder treten. „Wir werden sozusagen aus Sicherheitsgründen lahmgelegt.“ Dass manche Menschen während des Schlafens trotzdem um sich schlagen oder treten, gibt es zwar, das ist dann jedoch nicht während der REM-Phasen. Auch Zustände wie Schlafwandeln haben nichts mit Träumen zu tun.

Träumen ist lebensnotwendig

Befunde zeigen, dass wenn Menschen am Schlafen und somit am Träumen gehindert werden, es nur eine ganz kurze Zeit dauert, bis dies zum Tod führt. „Zu den Vorgängen, die im Gehirn während des Schlafes ablaufen, gehören zum Beispiel Körpertemperaturregulationsmechanismen. Es ist also absolut lebensnotwendig, dass wir schlafen und träumen.“ Entsprechend können Erkrankungen, etwa neurologische, bei denen der REM-Schlaf beeinträchtigt ist, gravierende Auswirkungen haben.

Als weitestgehend gesichert gilt, dass das was wir träumen, einen Bezug hat zu dem, was wir im Alltag erlebt haben. „Vor allem was wir unmittelbar vor dem Einschlafen erlebt oder auch gedacht haben“, betont Vögele. Hinzu kommt, dass Raum und Zeit-Verhältnisse vollkommen im Traum aufgehoben sind. „In Träumen bewegen wir uns anders, glauben Menschen zu erkennen und benennen zu können, die jedoch eigentlich ganz anders aussehen, unser Zuhause sieht ganz anders aus oder wir sitzen in einem Auto, können aber nicht wegfahren. Solche Inhalte sind sehr häufig.“

Aufhänger statt Interpretation

Psychologen interessiert vor allem die Funktion der Träume. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, war einer der ersten, der versucht hat, Träume systematisch in ein Modell zu integrieren. Das Resultat war seine Traumdeutung. „Vieles davon war sicherlich inspirierend für die zukünftige Forschung. Jedoch wissen wir heute, dass es den allermeisten seiner Grundannahmen an empirischen Belegen mangelt.“ Dass es bestimmte Trauminhalte gibt, die etwas Unbewusstes widerspiegeln, das wir uns im Wachzustand nicht trauen zu sagen oder zu tun, ist laut Vögele so nicht haltbar.

Jedoch können Träume im Bereich der Psychotherapie hilfreich sein. „Sie können als Aufhänger für den Therapeuten dienen, um über aktuelle Themen, die eine Person bewegen, zu sprechen.“ Es sei eine Möglichkeit um zu sehen, welche Bedeutung der Patient dem Traum beimisst, und um zu sehen, welche emotionale Inhalte da sind. „Denn dann ist es sehr wahrscheinlich, dass diese im Alltag auch eine große Rolle spielen. Es geht nicht darum die Trauminhalte zu interpretieren, sondern mit der Person herauszufinden, was aktuell akut ist.“

Spektrum des Bewusstseins

Laut Hobson bewegt sich das Träumen auf dem einen Ende des Spektrums des Bewusstseins und der Wachzustand auf dem anderen. Dazwischen gibt es viele Bereiche, wie etwa das Wachträumen, auch Klarträumen genannt. Aktuell wird auch versucht etwa Meditation und Hypnose in diesem Spektrum einzuordnen. „Wenn diese Annahme des Spektrums der Bewusstseinszustände richtig ist, dann bedeutet dies, dass das Träumen nur ein besonderer Zustand des Bewusstseins ist. Und wenn man diese Grundannahme akzeptiert, kann man das Träumen mit ganz anderen Methoden untersuchen“, führt Vögele aus.

Wichtig sei zu begreifen, dass das, was man früher als unbewussten Zustand bezeichnete, kein passiver Zustand des Gehirns ist, sondern das Gehirn hierbei seine eigene Wirklichkeit generiert. „Das erklärt auch die Fremdartigkeit des Träumens. Denn das Gehirn schafft sich seine eigenen Szenarien.“

Interessant ist, dass wir uns nur an einen kleinen Bruchteil von dem erinnern, was wir geträumt haben. Denn wir träumen jede Nacht. „Wahrscheinlich erinnern wir uns nur dann, wenn wir einen besonders erregenden Traum haben und aufgrund dieses körperlichen Erregungszustandes dann aufwachen. Dann ist es noch ganz frisch.“ Wenn aber eine Traumsequenz über mehrere REM-Phasen zu Ende geträumt ist, dann ist laut Vögele diese auch abgeschlossen und wir erinnern uns nicht mehr. „Damit hat auch der Traum seine Funktion erfüllt.“

Vorbereitung durch das Träumen

„Während Freud noch annahm, dass sich das Unbewusste durch Träume Luft verschafft, glauben wir aufgrund vieler Ergebnisse, dass das Träumen evolutionsbiologisch etwas ganz Altes ist, was uns im Prinzip in die Lage versetzt, schwierige Situationen zu üben.“ Denn oft seien die Träume, von denen berichtet wird eher negativ, hätten mit Furcht, Flucht oder Ähnlichem zu tun. Von einem evolutionsbiologischen Gesichtspunkt her, mache es Sinn, dass das Träumen es uns erlaubt, solche Situationen zu üben. So könnten wir diese im Alltag besser bewältigen. „Für diese Annahme gibt es eine Reihe an Belegen. Zum Beispiel die Beobachtung, dass Kinder viel mehr träumen als Erwachsene, was wiederum aus einer Entwicklungsperspektive Sinn macht, da Kinder noch viel üben müssen, bevor sie Gefahrensituationen im Alltag bewältigen können.“ Auch dass wir in der REM-Phase durch das Umschalten der Neurotransmitter uns nicht bewegen können und so gefahrlos extreme Situationen im Traum durchleben können, spreche für diese Annahme.

Träume können uns bis in den Alltag begleiten. „Man weiß, dass emotionale Inhalte, die geträumt werden, oft eine Auswirkung darauf haben, wie wir uns am folgenden Tag fühlen. Dazu müssen wir uns nicht einmal an den Traum erinnern.“ Wenn man also eine wirklich schwierige Traumsequenz hinter sich hat, fühle man sich am folgenden Tag nicht besonders gut, man sei erschöpft. „Wenn mein Gehirn mich im Schlaf auf Gefahrensituationen vorbereitet, dann bin ich morgens alle. Träumen ist daher eine anstrengende Sache.“