LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Eine Inszenierung Marion Rothhaars im Kapuzinertheater

Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben“, stellt der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard in einem Brief an seinen Verleger Siegfried Unseld fest, nicht ohne eine Spur Selbstironie. Denn seine Korrespondenzen zeigen auf, dass das keineswegs zutrifft.

Kaum ein Autor hat für so viel Polemik und für so viele Skandale gesorgt. Bezeichnet wurde er unter anderem als „Nestbeschmutzer“ und es wurden seine Ausbürgerung und das Verbot seiner Werke gefordert.

30. Todestag Bernhards

Bernhard wird als melancholischer, einsamer, geradezu misanthropischer Mensch beschrieben. Zum Teil dürfte dies durch seine schwierige Kindheit begründet sein. Er wurde als unehelicher Sohn einer Haushaltshilfe geboren, seinen leiblichen Vater lernte er nie kennen. Sein wohl traumatischstes Erlebnis war die fatale Verwechslung der Salzburger Stadt Saalfelden, in die er 1941 zwecks Erholung geschickt werden sollte, mit dem nationalsozialistischen Erziehungsheim im thüringischen Saalfeld, in dem er stattdessen untergebracht wurde.

Um dem Autor anlässlich seines 30. Todestages - Bernhard starb am 12. Februar 1989 - zu gedenken, hat Marion Rothhaar eine Auswahl der 27 Jahre währenden Korrespondenzen zwischen dem Schriftsteller und dem Suhrkamp Verleger Unseld inszeniert, die aus mehr als 500 Briefen, Karten und Telegrammen bestehen. Die Inszenierung wurde als Koproduktion des Schauspielhauses Salzburg und den „Théâtres de la Ville de Luxembourg“ am vergangenen Donnerstag und Freitagabend im Kapuzinertheater aufgeführt. Sie trug den Titel „In die Poesie gehört die Ökonomie“, eine einem Brief Bernhards entnommene Aussage, und entstand in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Botschaft.

Simone Beck gab, jeweils eine halbe Stunde vor der jeweiligen Aufführung, eine kurze Einführung über das Leben und Wirken Bernhards und seine Beziehung zu seinem Verleger Unseld. Derartige Einführungen sind sehr zu begrüßen, da sie das nötige Vorwissen liefern, um dem Zuschauer einen leichteren Einstieg in die Handlung einer Aufführung zu ermöglichen.

Rothhaars Auswahl der Briefe beleuchtet Auseinandersetzungen über Honorare, die Fertigstellung und Publikation von Manuskripten, Buchtitel, Verkaufszahlen und Inszenierungen der Dramen Bernhards. Die Briefe über Verhandlungen finanzieller Natur aber überwiegen und man hätte sich eventuell eine ausgewogenere und abwechslungsreichere thematische Schwerpunktsetzung gewünscht.

Positiv hervorzuheben ist dafür der Vortrag der beiden Schauspieler. So trug Germain Wagner die Briefe Unselds vor, verkörperte glaubwürdig die Bibliophilie des Verlegers und dessen Wertschätzung für die Person und Arbeit seines Autors. Bernhards Schimpftiraden und häufigen Bitten um Vorschüsse quittierte er mit einem ironischen Lächeln. Harald Fröhlich gelang indessen der grimmige Gesichtsausdruck, der den misanthropen Charakter der Briefe Bernhards unterstrich und den Inhalt mimisch widerspiegelte, sowie das Hervorheben der Musikalität von Bernhards emotionalem und schmucklosem Sprachstil, wenn er beispielsweise die seiner Ansicht nach „hundsgemeine Hinschlachtung“ eines seiner Theaterstücke durch das Münchner Theater beklagt.

Die Musikalität der Texte wurde zusätzlich unterstützt durch die Begleitung Cathy Kriers auf dem Klavier, die den Textvortrag auf gelungene Weise abrundete. Die Stücke wurden so ausgewählt, dass sie die Stimmung des jeweiligen Briefs treffend wiedergaben. So wurden mal ruhigere, mal aggressivere Töne angeschlagen und klassisch-gefällige Stücke von Mozart, Beethoven, Chopin und Schubert wechselten sich ab mit düster-zeitgenössischen Werken von Schoenberg, Ligeti und Boulez, wobei immer nur kurze Ausschnitte gespielt wurden, sodass die gut dosierte musikalische Begleitung den Vortrags unterstützte, sich jedoch nie in den Vordergrund drängte.

Lehrreiche und unterhaltsame Lesung

Auch wenn das durchaus gelang, so war der Nachteil dabei, dass man das Theater mit dem Eindruck verließ, eher eine mit schauspielerischen Mitteln durchzogenen Lesung als eine tatsächliche Inszenierung erlebt zu haben. Die ausgewählten Briefe erzeugten unterschiedliche Stimmungen und enthielten ein großes Maß an Komik, die sich zusätzlich durch die Tatsache verstärkte, dass auf der Bühne der Verfasser seinen eigenen Brief selbst vorlas und der Rezipient unmittelbar darauf reagieren konnte. Auch legten die Korrespondenzen die Schwankungen im Verhältnis zweier Menschen dar, die eine „Hassfreundschaft“ zueinander pflegen, und sie charakterisierten äußerst treffend den eigenwilligen gleichwohl herausragenden Schriftsteller Thomas Bernhard.

Somit ist „In die Poesie gehört die Ökonomie“ ein lehrreiches Stück, das außerdem noch unterhaltsam ist, mit seiner minimalistischen Darstellung jedoch nicht alle Mittel des Theaters ausschöpft, um dem Publikum ein noch kurzweiligeres Theatererlebnis zu bieten und ihn mit einer höheren Komplexität, Interpretationsspielräumen und offen gelassenen Fragen herauszufordern.