LUXEMBURG
SVEN WOHL/PASCAL STEINWACHS

An Allerheiligen und Allerseelen spielt das Gedenken an Verstorbene eine wichtige Rolle - An beiden Tagen besuchen viele die Gräber ihrer geliebten Verstorbenen, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen

Lëtzebuerger Journal

Individuell verarbeiten

Trauer kann auf viele Weisen verarbeitet werden – dabei können Erwachsene von Kindern etwas lernen

Trauer ist eine individuelle Erfahrung. Wie mit ihr umgegangen wird, hängt von Person zu Person ab. Diplompsychologin und Psychotherapeutin Lisa Clees begleitet Menschen bei ihrer Trauer. Wir haben uns mit ihr unterhalten, um zu erfahren, wie Menschen Trauer verarbeiten, wie eine normale Trauerbewältigung aussieht und wie Kinder mit diesen Erfahrungen umgehen:

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Trauerbewältigung gemacht?

Lisa Clees Ich forsche nicht auf dem Thema, doch bin sehr vertraut damit. Auch weil ich ganz persönlich davon betroffen war und mich daraufhin viel mit dem Thema auseinandergesetzt und es, neben meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, zu einem der Schwerpunkte meiner Arbeit gemacht habe.
Ich begleite Menschen auch bei der Trauer. Dabei macht man den Unterschied zwischen einer normalen Trauer und der eher komplizierten Trauer. Zusätzlich dazu bin ich bei „Trauerwee asbl“ aktiv, wo wir Kinder bei ihrer Trauerbewältigung begleiten.

Wo liegt der Unterschied zwischen einer normalen Trauerbewältigung und einer, die einer Behandlung bedarf?

Clees Die normale Trauerbewältigung ist sehr vielfältig und individuell. Die Intensität der Beziehung, die die Betroffenen mit jener Person hatten, die sie verloren haben, spielt hier eine große Rolle. Wenn der Tod unerwartet eine junge Person trifft, dann ist das ein riesiger Schock. Das ist besonders bei Kindern der Fall, da diese selten so früh sterben. Dann beginnt ein langer Weg der Bewältigung. Wie diese bei dem Einzelnen aussieht, ist ganz unterschiedlich.

Was immer wichtig ist, ist die soziale Unterstützung. Dies ist in einer ersten und auch späteren Phase wichtig. Dabei sollte sich niemand zeitlich unter Druck setzen. Je nachdem kann die Bewältigung Jahre dauern und jeder muss seinen eigenen Weg finden. Einige suchen ihn im Glauben, andere im Sport oder im Schreiben oder Malen.

Der Mensch verfügt über Selbstheilungskräfte. Da braucht man nur an Kriegszeiten zurückzudenken, wo Eltern ihren ganzen Nachwuchs verloren, die aber selbst weitergelebt haben und produktiv blieben.

Sind das Automatismen oder muss dies erlernt werden?

Clees Das sind Automatismen. Niemand bereitet sich beispielsweise bewusst darauf vor, sein Kind zu verlieren. Die Verarbeitungsmethode finden sie ganz intuitiv. Dabei spielt neben diesen Selbstheilungsprozessen das soziale Umfeld eine große Rolle – vor allem in den ersten Monaten.  Viele werden von der Trauer so sehr überwältigt, dass sie zuerst einmal den Halt verlieren.  Dank des sozialen Umfelds und den persönlichen Ressourcen kommen die Betroffenen dann nach und nach wieder auf die Beine.

In der Beratung treffe ich auf Menschen, die nach sechs bis sieben Monaten verzweifelt sind, weil sie das Gefühl haben, nicht voran zu kommen. Dabei merken sie oft nicht, dass sie auf dem normalen Weg der Bewältigung sind. 

Wie sieht das bei außergewöhnlichen Fällen aus?

Clees Eine komplizierte Trauer ist schwieriger zu bewältigen, denn diese Menschen kommen nicht aus dieser Trauer raus. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Hohe Belastungen durch andere Ereignisse, wie etwa eine schwierige Trennung, oder unverarbeitete traumatische Erlebnisse aus Kindheit und Jugend. Auch zu viel Stress kann dazu führen, dass man nicht mehr die Kraft aufbringen kann, um eine Trauer zu bewältigen. Oft findet man den Grund für eine anormale Trauerbewältigung in der eigenen Vergangenheit.

Wenn man selbst nach drei Jahren immer noch an Schlafstörungen aufgrund  der Trauer leidet, dann ist das pathologisch. Auch wer sich über Monate hinweg mit Medikamenten oder auch Drogen betäubt, beraubt sich und seiner Psyche der Möglichkeit, den Verlust richtig zu verarbeiten. Das gleiche gilt, wenn man sich über Monate oder Jahre von seinem sozialen Umfeld abkapselt. In solchen Fällen ist eine Therapie angebracht.

Wie gehen Kinder mit Trauer um?

Clees Kinder haben ein enormes Bedürfnis, sich zu entwickeln. Damit sie in ihrer Entwicklung nicht gebremst werden, trauern sie anders als Erwachsene. Sie können darüber weinen, wenn etwa ihre Mutter gestorben ist. Kurze Zeit später können sie sich freuen, wenn sie mit anderen Kindern zusammen spielen. Sie sind also fähig, abzuschalten. Danach können sie wieder trauern. Das ist für uns Erwachsene nicht möglich, wenn jemand von uns geht, der uns wichtig ist, dann können wir in einer ersten Phase nicht einfach so abschalten und den Verlust kurzzeitig vergessen.

Oft wird das falsch verstanden und Menschen glauben, Kinder würden nicht richtig trauern. Dabei ist genau dies die Stärke der Kinder. Da können wir Erwachsenen nur von lernen.

Es gibt auch Kinder, die eine solche Situation nicht richtig bewältigen. Das liegt weniger am Verlust als an der Reaktion des Umfeldes, wenn zum Beispiel die Eltern eine komplizierte Trauer durchleben und nicht genug präsent für ihre Kinder sein können.  Wenn dies nur für eine kurze Phase der Fall ist, überbrücken die Kinder das. Wenn es jedoch länger andauert, stellt sie dies vor Probleme.

Lëtzebuerger Journal

„Trauer ist keine Krankheit“

Psychotherapeutin Gudrun Paulsen von „Omega 90“ im Gespräch

Trauer ist die ganz normale und gesunde Reaktion eines Menschen auf einen Verlust und wird von allen auf ganz unterschiedliche Art und Weise er- und gelebt. Wir alle haben im Laufe unseres Lebens Verluste, die bei uns Schmerz, starke Traurigkeit, Verwirrung, Angst, Schuldgefühle, Desorientierung, Sehnsucht oder andere starke Gefühle auslösen können.

So wird auf der Homepage der Vereinigung zur Förderung der Palliativpflege und Trauerbegleitung „Omega 90“ die Trauer definiert, die vor Allerheiligen und Allerseelen, wenn die Menschen ihrer Toten gedenken, ja besonders im Fokus steht, derweil sie im Rest des Jahres eher verdrängt wird.

Wir führten am Dienstag mit der bei „Omega 90“ tätigen Psycho- und Traumatherapeutin Gudrun Paulsen ein sehr interessantes und intensives Gespräch  über die Trauerbegleitung, bei der man Informationen über die Trauer, den Trauerprozess und die dazugehörigen Symptome erhält. Dadurch können Ängste abgebaut und eine erneute Zukunftsorientierung ermöglicht werden, wie es vonseiten von „Omega 90“ heißt, und weil Kinder, Jugendliche und Erwachsene nicht auf die gleiche Art und Weise trauern, bietet die Trauerbegleitung einerseits Begleitungen für Erwachsene und andererseits Begleitungen für Kinder ab  drei  Jahren und Jugendliche an.

„Aus der Trauer zum Verstorbenen entwickelt sich mit der Zeit Liebe“

Wie Gudrun Paulsen unterstrich, können zu „Omega 90“ nicht nur die Hinterbliebenen nach dem Verlust eines nahe stehenden Menschen kommen, sondern auch Kranke mit einer lebensbedrohlichen und voranschreitenden Erkrankung.  Alle Menschen, die einen Verlust erlebt haben, dürfen also die  Beratung von „Omega 90“ in Anspruch nehmen, die übrigens kostenlos ist, wobei aber spenden kann, wer spenden will.

Auf die Frage, wer denn jetzt mehr trauere, Kinder oder Erwachsene beziehungsweise Männer oder Frauen, gab Paulsen zur Antwort, dass alle gleich stark trauern könnten, Kinder aber anders trauern würden, nämlich punktueller und nicht so kontinierlich wie Erwachsene. Kinder könnten vielleicht eine Zeit lang gar nicht trauern, um dann aber plötzlich sehr stark zu trauern. Wie ein Kind trauere, hänge indes vom Entwicklungsalter ab, wobei die 0- bis ca. 6-Jährigen erst einmal gar nicht verstehen würden, dass der Tod endlich ist. Obwohl die Kinder zum Beispiel ihren verstorbenen Opa mit beerdigt hätten, würden sie oftmals denken, er wäre morgen wieder da.

Wir fragten Gudrun Paulsen natürlich auch, wie man eine permanente Trauerbegleitung aushalte, ohne sich selbst zu belasten. Wir würden gar nicht glauben, wie viele Ressourcen Menschen haben würden, „und was wir in der Begleitung wieder erarbeiten, ist tatsächlich, wie viele Stärken und Kraft Menschen entwickeln können“, so die Psycho- und Traumatherapeutin.  

Trauer sei keine Krankheit, sondern ein Prozess, und aus der Trauer zum Verstorbenen entwickle sich mit der Zeit Liebe, und das kriege man tatsächlich mit.  Es sei natürlich sehr traurig, wenn man einem Mensch gegenübersitze, der weine, und in diesem Fall sei das Taschentuch auch ihr Handwerkszeug.

Auch wenn man als Psychologe natürlich lerne, mit Emotionen umzugehen, so gebe es doch auch Fälle, die einen wirklich sehr berühren würden. Man sei ja auch schließlich nur ein Mensch, und ihr sei auch schon mal eine Träne runtergelaufen, was auch nicht weiter schlimm sei. Manche Dinge seien eben sehr sehr traurig und auch nicht schön. „Wenn ich meine emotionale Mitreaktion zeige, kann es - oft sogar - für den Klienten entlastend sein zu erkennen, dass da auch nur ein Mensch sitzt“, so Gudrun Paulsen.

Wie oft einer die Hilfe von Omega 90 in Anspruch nehme, das sei verschieden. Manche würden zwei- bis dreimal zu einem Gespräch kommen, andere wiederum zehnmal, wobei so ein Gespräch in der Regel rund  eine Stunde dauere, aber Ausnahmen würden auch hier die Regel bestätigen. Sie lasse jedenfalls keinen weinend raus gehen, sondern versuche, ihn zu stabilisieren.

Es gibt nicht nur eine Form der Trauer

Dass es nicht nur eine Form der Trauer gebe, wurde beim Gespräch mehr als deutlich, gebe es doch, und manche Leute würden deshalb sehr schnell durch die Trauer kommen, zum Beispiel auch so etwas wie vorgezogene Trauer. Wenn einer schwer krebskrank sei, und die Angehörigen würden über Monate das Leiden mitbekommen und darüber schon trauern, dann empfinden manche Menschen den Tod auch als Erlösung, aber auch hier gebe es keine  feste Regel, denn jeder Mensch sei unterschiedlich und jeder trauere anders. Man versuche bei „Omega 90“ in der Begleitung mit den Betroffenen wieder positive Perspektiven  zu entwickeln. Manche würden in ihrer Trauer auch richtig wütend.

Trauern sei indes eine normale Emotion, die zu uns gehöre, wie auch Aggression und Liebe, Stolz und Freude. Man sollte keine Emotionen dauerhaft vermeiden oder bekämpfen, das gehöre einfach dazu, so Paulsen, die daran erinnert, dass Trauer keine Depression sei. Man müsse den Prozess des Trauerns durchleben, und wenn man dies nicht alleine schaffe, dann brauche man Hilfe.

Trauer verlaufe bei jedem Menschen anders und sei so vielfältig, wie die Menschheit vielfältig sei. Trauer laufe immer anders ab, es gebe kein Richtig oder Falsch. Es sei vielmehr ein Prozess, und das Schöne sei, wenn sich die Trauer in Liebe und schöne Erinnerungen zur verlorenen Person transformiere. Wenn man dies begleiten oder miterleben dürfe, dann sei die Arbeit sehr erfüllend, auch wenn sie  von vielen anderen oftmals als schwer empfunden werde.

Auf der Webseite von „Omega 90“ erhält man eine Unmenge an Antworten zu allen nur erdenklichen Fragen im Zusammenhang mit der Trauer, aber nicht nur, ist die Vereingung doch auch in der Palliativpflege tätig.

Mehr unter www.omega90.lu