Was sich momentan in einer Reihe von europäischen Hauptstädten im Zusammenhang mit der Ernennung des zukünftigen EU-Kommissionspräsidenten abspielt, ist - höflich ausgedrückt - ein Trauerspiel allererster Güte. Da geht eine Parteienfamilie mit einem europäischen Spitzenkandidaten in die Europawahl, verkauft der Wählerschaft die erstmaligen Spitzenkandidaturen für den EU-Chefsessel auch noch als Quantensprung in Sachen Demokratie und Mitbestimmung, um dann aber bereits zwei Tage nach der Wahl einen kräftigen Rückzieher zu machen.

Die EVP habe Jean-Claude Juncker zwar für das Amt des Kommissionspräsidenten nominiert, und „diese ganze Agenda“ könne „von ihm, aber auch von vielen anderen erledigt werden“, wie Merkel sich am Dienstagabend nach dem Sondergipfel der EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel ausdrückte. Unterstützung sieht anders aus! Bedenken gegen Juncker hatten auf dem Gipfel auch noch Großbritannien, Ungarn, Schweden und - die Benelux scheint es nicht mehr zu geben - die Niederlande.

Noch einen Tag später machten dann auch noch - natürlich rein zufällig - Gerüchte die Runde, dass Juncker „aus gesundheitlichen Gründen“ seinen Rückzug verkünden wolle, obwohl sich die Fraktionen des Europaparlaments am Dienstag mit großer Mehrheit hinter den konservativen Spitzenkandidaten gestellt hatten. Dass der französische „Le Monde“ dann gestern zu melden wusste, die Merkel’sche Nicht-Festlegung auf einen Kandidaten sei nur darauf zurückzuführen, weil sich Deutschland nicht mit dem britischen Premier überwerfen wolle, da Großbritannien für den europäischen Binnenmarkt allzu wichtig sei, und ausgerechnet der Franzose Michel Barnier (der Juncker bei der Wahl zum EVP-Spitzenkandidaten unterlag) ein guter, weil David Cameron genehmer Kompromisskandidat wäre, passt dann doch allzu gut in das momentane Juncker-Bashing.

Irgendwie muss Dr. Merkel dann aber in den letzten Stunden zu Ohren gekommen sein, dass sie es diesmal derart bunt getrieben hat, dass nicht nur die einheimische und ein Großteil der internationalen Presse ihres Postengeschachers leid ist, sondern auch ihr sozialistischer Koalitionspartner - und den braucht sie irgendwie noch.

So beugte sie sich dem beständig anwachsenden Druck und sprach sich gestern auf dem deutschen Katholikentag - wahrscheinlich war sie einfach nur vom Heiligen Geist erfüllt - auf einmal wieder für Juncker aus: „Deshalb führe ich jetzt alle Gespräche in dem Geiste, dass Jean-Claude Juncker auch Präsident der EU-Kommission werden sollte“.

Jean-Claude Juncker, dem in der ganzen Sache übel mitgespielt wurde, sollte die erneute Zustimmung der Kanzlerin aber besser nicht zu ernst nehmen, hat sich doch in den letzten Tagen gezeigt, was von der Ich-schließe-nichts-ein-und-nichts-aus-Haltung von Merkel zu halten ist: Nicht viel. Wenn sie sich jetzt wieder für Juncker ausgesprochen hat, kann sie sich bei einer anderen Gelegenheit wieder bedeckt halten. Für den EVP-Spitzenkandidaten dürften jedenfalls auch die nächsten Wochen keine leichten werden...