DON LET/KAMPI
YANNIS BASTIAN/LJ

Seit September 2014 erradelt Yannis Bastian die Welt: Sein Erlebnisbericht aus Kambodscha (1)

Fünf Kontinente auf zwei Rädern: Das hat sich der Luxemburger Yannis Bastian zum Ziel gesetzt, als er im September 2014 die Grenzen Luxemburgs hinter sich ließ. Seine teils abenteuerlichen Eindrücke verarbeitet Yannis zwischendurch immer mal wieder in Erlebnisberichten aus eigener Feder im „Journal“. Diesmal nimmt er uns mit auf seine Reise durch Kambodscha, die zwar bereits einige Zeit zurückliegt, die er aber trotzdem noch sehr lebendig zu beschreiben vermag. Als hätte er sie gestern erst unternommen…

Einmal hin und wieder zurück

Don Det, Laos: Obwohl ich gestern weder feierte, noch außergewöhnlich spät zu Bett ging, beschwere ich mich an diesem letzten Morgen in Laos über zu wenig Schlaf und einen an allen Muskeln zehrenden Kater. Grund für diesen Zustand der Erschöpfung könnte der lokale Karaoke-Matador sein, der auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses sein Talent in ohrenbetäubender Lautstärke und in exzessivem Maße preisgab. Selbst als längst niemand mehr auf seine Frage nach einer Zugabe antwortete, fuhr er fort, sich selbst mit unglaublich schiefen Tönen zu unterhalten. Mein flehendes „Nein“ wurde überhört.

Trotz Müdigkeit lege ich die knapp 20 Kilometer bis zur kambodschanischen Grenze schnell zurück. An dem relativ neuen Grenzübergang findet man außer ein paar Marktständen und provisorischen Holzhütten, in denen die Immigrationsbehörde untergebracht ist, nur staubige Baustellen und in Müllhaufen stampfende Kühe. Auch den Geldautomaten, auf den ich gehofft habe, um das nötige Geld zum Bezahlen meines kambodschanischen Visums abzuheben, suche ich vergeblich. Schadenfroh teilen die Grenzbeamten mir mit, dass der nächstgelegene Geldautomat sich in dem Ort befindet, in dem ich heute Morgen losgefahren bin. Mit einem verschmitzten Lächeln bieten sie mir jedoch an, das Fahrrad samt Gepäck bei ihnen stehen zu lassen und mich mit dem Pickup hinzubringen. Ich lehne dankend ab. Aus den 20 Kilometern bis zur Grenze werden dementsprechend rund 60 Kilometer.

Auf staubigen Straßen und bei hereinbrechender Dämmerung stoße ich nun auf ein bereits bekanntes Problem: das Finden eines geeigneten Zeltplatzes. Während ich an diesem ersten Abend mit viel Glück einen kleinen, ruhigen Platz im Gebüsch ein paar Meter abseits der Straße finde, muss ich am nächsten Tag bis spät in die Nacht suchen, um mein Zelt an einem scheinbar ungestörten Platz aufschlagen zu können. Am darauf folgenden Morgen gibt ein mehrstimmiges Hahnenkonzert mir zu verstehen, dass ich wohl doch nicht so unweit eines Dorfs übernachtet habe. Ich krieche aus dem Zelt, vor dem bereits ein halbes Dutzend Kinder wartet und mich mit Gelächter empfängt. Schlaftrunken geht mein Blick nach links, dem Geschrei weiterer Kinder folgend - in der Dunkelheit habe ich mein Zelt gleich neben der Dorfschule aufgestellt.

Warmes Lächeln zwischen Staubwolken

Im Gegensatz zu Laos sind die Straßen in Kambodscha in äußerst schlechtem Zustand: Unzählige, knöcheltiefe Schlaglöcher, dicht vorüberziehender Verkehr und die dadurch ausgelösten trockenen, die Atemwege verstopfenden Staubwolken machen das Fahrradfahren relativ schwierig. Dazwischen immer wieder überaus freundliche Menschen, die mir ein warmes Lächeln und ein glückliches „Hello“ zuschicken. Am späten Abend treffe ich auf Jason aus England. Wir sind beide auf Zeltplatzsuche und entscheiden, gleich unter der Brücke, auf der wir uns gerade befinden, zu übernachten. Wir schlagen unser Zelt am Ufer des seichten, glasklaren Flusses auf. In der Dämmerung werfen Fischer ihre Netze aus, Frauen waschen die Wäsche, Kinder spielen im Wasser. Wir erzählen uns gegenseitig die jeweilige Geschichte unserer Reise.

Früh am nächsten Morgen werden wir durch ein lautes „Hello“ geweckt. Kaum sichtbar luchst ein Kind über die kleine Mauer hoch oben auf der Brücke. Wir erwiedern den Gruß, woraufhin immer mehr Kinderköpfe - dem Horchen von Erdmännchen ähnlich - zum Vorschein kommen und nun, durch den Mut des Vorgängers bekräftigt, auch alle wild durcheinander grüßen. Wir finden schnell heraus, dass unser Zeltplatz wohl auf ihrem Schulweg liegen muss. Die besondere Atmosphäre dieses Ortes führt zum Entschluss, noch eine weitere Nacht hier zu verbringen. Im nahe gelegenen Laden decken wir uns mit Vorräten für den Tag ein, den wir anschließend ganz gemütlich am und im Wasser verbringen.

Während Jason seine Reise nördlich in Richtung Laos fortsetzt, erreiche ich nach wenigen Tagen den Mekong, dessen Flussmündung ich bereits vor wenigen Wochen in Vietnam besucht habe. In Kampi treffe ich erneut auf Jose und Cornelius, die ich auf Don Det kennengelernt habe. Jeden Winter zieht es das sehr sympathische Paar aus den Niederlanden in wärmere Länder, um dort ihrer großen Leidenschaft, dem Reisen mit dem Fahrrad, nachzugehen. Da dies nicht ihr erster Besuch in Südostasien ist, können sie mir einige gute Routen für die Weiterfahrt empfehlen. Eine davon beginnt auf der gegenüberliegenden Seite des Mekong, den ich zwischen einigen Mopeds auf einer rostigen Fähre überquere. Auf der anderen Seite des Flusses erwartet mich die bis dahin wohl schönste Strecke meiner gesamten Reise: Auf sandigen Pisten rollt mein Fahrrad der feuerroten Dämmerung entgegen, vorbei an hohen Palmen, die nun weite Schatten über die typischen, auf Stelzen stehenden Holzhütten werfen.

Ein anderer Lebensrhythmus

Hier scheint der Lebensrhythmus von der Ruhe und Leichtigkeit dieses gemütlich dahinfließenden Flusses angesteckt worden zu sein: Der Verkehr beschränkt sich auf wenige Mopeds, Fahrräder und von Ochsen gezogene Heuwagen. Ich stelle mein Zelt unweit der staubigen Hauptstraße auf. Es ist Samstagabend. Unter Begleitung buddhistischer Tempelgesänge führen Bauern ihre karrenziehenden Wasserbüffel von den Feldern. Mit der Dämmerung und den nun fallenden Temperaturen werden die Insekten aktiv, wovon unzählige Schwalben in diesen späten Abendstunden profitieren. Ich erinnere mich, wie jetzt wohl der Abend in meinem Leben zuhause aussehen würde, und komme schnell zum Entschluss, dass ich diesen Abend und die jetzige Zeit für nichts in der Welt tauschen wollen würde. Fast 9.000 Kilometer von zuhause entfernt stoße ich mit einem kühlen Bier auf den Geburtstag meines Bruders an.


Teil 2 lesen Sie in unserer Ausgabe von morgen. Verfolgen Sie Yannis‘ Blog: www.facebook.com/yannisworldcyclingadventure oder www.yanniswca.com