TSCHERNOBYL
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Tschernobyl-Feuer lassen Ängste aufflammen

Die schlimmsten Feuer seit Jahren im verseuchten Gebiet um die Atomruine des explodierten Reaktors von Tschernobyl nehmen kein Ende. Riesige Flächen sind bereits verkohlt. Wälder und Felder schwarz. Extreme Trockenheit und Wind fachen die Brände immer wieder an. Auch gesundheitsschädliche radioaktive Teilchen im Boden werden aufgewirbelt. Schon seit drei Wochen kämpft der ukrainische Katastrophenschutz gegen die Flammen. Aber vor dem Jahrestag der schwersten Atomkatastrophe in der zivilen Nutzung der Kernkraft am Sonntag (26. April) bleibt der große Löscherfolg aus.

Verseuchte Böden

Armee und Nationalgarde helfen Feuerwehrleuten mit schwerem Gerät. Auch gestern waren noch mehr als 1.000 Kräfte im Einsatz. Die Böden dort sind verseucht mit radioaktiven Stoffen - Cäsium 137, Plutonium 239 und Strontium 90, wie die Umweltschutzorganisation Greenpeace zum 34. Jahrestag des Unglücks erinnert.

Vor allem aber bei vielen Menschen in der Ukraine flammen angesichts der Brände auch die alten Ängste auf - nicht zuletzt davor, dass die Behörden der Ex-Sowjetrepublik das wahre Ausmaß der Gefahr verschleiern. Die Hauptstadt Kiew mit ihren mehr als drei Millionen Einwohnern liegt nur 70 Kilometer von der Sperrzone entfernt. Tagelang hielten sich Rauch und Brandgeruch in der Stadt. Den offiziellen Informationen traut kaum jemand.

Nach einem missglückten Leistungstest im Kraftwerk explodierte am 26. April 1986 Block vier der sowjetischen Anlage. Tausende Menschen starben oder wurden verletzt. Zehntausende wurden zwangsumgesiedelt. Berichte aus der Brandzone sind rar in ukrainischen Medien. Viele Menschen äußern sich aber besorgt. „Verzeih mir bitte, ich wollte dich nicht belügen. Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst“, sagte der Feuerwehrmann Oleg beim TV-Sender 1+1 seiner Mutter.

Die öffentliche Diskussion in der Ukraine dreht sich aber vor allem um die Ursachen. Brandstiftung gilt als Grund - wie bei ähnlichen Feuern dort in der Vergangenheit. Im Raum steht auch der Verdacht, Kriminelle könnten die Brände gelegt haben, um illegale Abholzungen in der waldreichen Sperrzone zu vertuschen. Gründe sieht der Professor für Forstwirtschaft, Sergej Sibzew, auch im trockenen Winter und im starken Wind. Die ukrainische Feuerwehr sei nicht auf Brände dieses Maßstabs vorbereitet. „Wir hatten natürlich kleinere Brände von fünf, zehn, maximal einhundert Hektar. Doch Tausende Hektar waren sehr selten“, sagte er der Zeitung „Den“. Zuletzt habe es dort auch keine Feuerwehrübungen mehr gegeben.

„déi gréng“: Risikotechnologie ohne Zukunft

Zum Tschernobyl-Jahrestag zu Wort meldeten sich gestern auch „déi gréng“. Atomkraft sei eine Risikotechnologie, die weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll sei und deshalb keine Rolle im zukünftigen Energiemix Europas spielen dürfe. „déi gréng“ würden sich weiterhin auf EU-Ebene mit ganzer Kraft gegen die Subventionierung von Atomkraft im Rahmen von europäischen Konjunktur- und Investitionsprogrammen einsetzen.