LUXEMBURG
SVEN WOHL

Wie die Corona-Krise die Mediennutzung antreibt

Während der Isolation nutzten Viele Smartphones, Tablets und Laptops, um miteinander zu kommunizieren oder für Kurzweil zu sorgen. Doch wie sehr hat sich die Mediennutzung bei Jugendlichen in den vergangenen Jahren verändert und wo hat sich die Entwicklung beschleunigt? Wir führten ein Gespräch mit Miriam-Linnea Hale, Doktorandin an der Universität Luxemburg.

Was kann man in den letzten Jahren feststellen, was die Nutzung digitaler Medien bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen angeht?

Es ist so, dass die Medien einfach ganz präsent im Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind. Fast alle jungen Leute haben heutzutage ein Smartphone und ein Laptop mit Internetzugang. Viele nutzen Angebote wie Videostreaming, Musikstreaming. Soziale Medien sind nicht mehr wegzudenken. Das ist nicht komplett neu, aber in den letzten zehn Jahren ist die Nutzung noch einmal deutlich gestiegen.
Der medienpädagogische Verbund Südwest macht in Deutschland jedes Jahr eine große Studie, die JIM-Studie. Da sieht man ganz deutlich: Im Schnitt nutzen Jugendliche 3,5 Stunden täglich das Internet. Das ist eine ganze Stunde mehr, als das vor zehn Jahren der Fall war. Wichtig ist auch die Frage, wofür das Internet genutzt wird. Vor zehn Jahren wurde es hauptsächlich zur Kommunikation genutzt, heute ist es zu fast gleichen Teilen Kommunikation, Unterhaltung und Spiele – ein ganz wenig auch Informationssuche. Bei den sozialen Medien ist das manchmal schwierig zu trennen. YouTube wird nicht nur genutzt um Videos zu kucken oder Musik zu hören, sondern zum Beispiel auch um Neues zu lernen. Es werden viele Apps genutzt als Kommunikationsmittel, was für junge Leute SMS und MMS ersetzt. Apps sind auch in alltägliche Dinge eingebunden: Navigation, öffentlicher Transport und gewisse Schul-Apps.

Wie sehen Sie die Entwicklung in der Corona-Krise?

Zusammen mit André Melzer und Elisabeth Holl habe ich ein Buchkapitel zu dem Thema mit dem Titel „Mediennutzung in den Zeiten von Pandemie und Lockdown“ im Sammelband „COVID-19 - Ein Virus nimmt Einfluss auf unsere Psyche. Einschätzungen und Maßnahmen aus psychologischer Perspektive“ veröffentlicht. Gerade für Jugendliche ist soziale Isolierung ein großes Thema. Aufgrund ihres Entwicklungsstands sind sie teilweise noch stärker davon betroffen als die Erwachsenen. Auf der anderen Seite haben Jugendliche hier vielleicht einen höheren Resilienzfaktor, da sie gewohnt sind, viele ihrer sozialen Kontakte zu einem großen Teil über Medien zu haben. Das wird nun noch einmal verstärkt. Dadurch wird das Bedürfnis nach Kontakt weiter befriedigt. Es bringt auch die Möglichkeit, Informationen zu suchen. Hier muss man natürlich aufpassen, weil auch viele Fehlinformationen über das Internet verbreitet werden.
Natürlich ist es für viele so, dass viele schulische Aktivitäten in den letzten Monaten über das Internet stattgefunden haben. Auch wurden mehr Unterhaltungsangebote online genutzt. Die Videospielplattform Steam verzeichnete in der letzten Zeit Rekordzahlen bei den aktiven Spielern. Viele Entertainment-Angebote gab es auch per Livestream auf den sozialen Netzwerken. Es gab auch viele Hilfsplattformen, die Helfende und Bedürftige zusammengebracht haben. Es gab viele Prominente und Influencer, die sich für Spendenaktionen stark gemacht haben.
Digitale Medien geben uns auch die Möglichkeit, Menschen, die besonders Hilfe benötigen und Therapien brauchen, weiterhin Hilfe an die Seite zu stellen. Die Krise hat allerdings Unterschiede verdeutlicht, die bereits zuvor bestanden. In Haushalten und Gegenden, wo der Zugang zum Internet aus finanziellen oder strukturellen Gründen eingeschränkt ist, da fallen nicht nur Entertainment-Angebote weg, sondern auch die Möglichkeit, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten.

Sollte man sich als Eltern sorgen machen, wenn Jugendliche noch mehr an den Schirmen hängen, als dies bereits der Fall war?

Das Grundprinzip ist, dass die Zeit weniger relevant ist, als die Inhalte. Online wie Offline gibt es Gefahren und Hilfsangebote. Es muss gelernt werden, diese zu erkennen und gegebenenfalls zu vermeiden oder gut zu nutzen. Es ist ganz wichtig, dass Eltern darauf achten, dass Kinder Medienkompetenzen entwickeln. Da sollte auch offen drüber gesprochen werden. Über Mobbing und Extremismus sollte mehr aufgeklärt werden.
Allerdings sind die meisten Jugendlichen heutzutage bereits recht medienkompetent. Und bei alldem sollte man nicht die positiven Aspekte aus den Augen verlieren. Es gibt viele Gruppen für Mobbing Opfer, zahlreiche Informationen für Personen die der LGBTQ+ Gemeinschaft angehören, die sich nicht immer direkt an ihre Eltern wenden können. Viel positiver Aktivismus hat online stattgefunden. Es wird häufig darüber berichtet, welche Gefahren das Internet birgt, aber es ist auch wichtig, die positiven Aspekte zu sehen.

Haben Offline-Medien jetzt ausgedient?

Sie haben nicht komplett ausgedient, aber es ist eine deutliche Veränderung festzustellen. Kinos beispielsweise sind dabei, sich anzupassen. 3D- und 4D-Filme werden zu einem neuen Erlebnis gemacht. Da spielt auch ein sozialer Aspekt mit. Ich glaube aber schon, dass es eine Verlagerung ins Digitale gibt. Die JIM-Studie zeigt aber trotzdem, dass über die Hälfte der Jugendlichen immer noch regelmäßig gedruckte Bücher liest, deutlich mehr als bei den eBooks.