LUXEMBURG │ CHRISTINE MANDY
Lëtzebuerger Journal

Kommt Ihnen das bekannt vor: Sie öffnen die Tür – wissen sogar, ob Sie drücken oder ziehen müssen – betreten ebendiese Tür, durch die Sie nun schon mehrere Male gegangen sind und sobald sie einen Fuß in das Haus gesetzt haben, spüren Sie, dass Ihnen dieser Ort nicht länger fremd ist?

Genau so erging es mir letzte Woche, als ich mich im Gebäude des Verlages einfand, in dem ich nun schon zum zweiten Mal ein Praktikum mache. Irgendetwas hatte sich verändert, seit ich zum ersten Mal dort gewesen bin und weil mich das fasziniert hat, möchte ich diesmal der Frage nachgehen, was das „Zuhause-Gefühl“ ausmacht.

Dufter Duft

Das erste, das mir auffiel, war der hauseigene Geruch, der mir nun schon ein wenig vertraut geworden war. Auch wenn wir ihn normalerweise nur im Unterbewusstsein wahrnehmen, gibt es Momente, in denen er uns, bewusst, gewahr wird, beispielsweise dann, wenn wir von draußen kommen. Die Rolle dieses Dufts ist nicht zu unterschätzen; nicht umsonst bieten Firmen Hotels oder anderen öffentlichen Einrichtungen an, ein Parfum für sie zu entwickeln, das das eigene Ambiente prägen soll.

Als ich die Holztreppe nach oben stieg, bemerkte ich, dass sich auch in dieser Hinsicht etwas verändert hatte. Wenn man eine Treppe nämlich zum ersten Mal nach oben steigt, tut man dies unsicheren Ganges, hält sich eventuell am Geländer fest und will nicht so recht den Rhythmus finden. Je öfter man nun aber die Stufen hinauf- und hinuntersteigt, desto mehr wird es zur Routine. Man merkt sich genau, wie man den Fuß vor den anderen setzen muss und könnte diesen Gang gar blind bestreiten. Das behaupte ich nicht einfach so, sondern habe es tatsächlich getestet: die Treppe im eigenen Zuhause bereitet uns auch nachts, ganz ohne Licht, keinerlei Probleme.

Vor allem erkenne ich dort auch am Geräusch der Schritte, wer sich gerade nach oben oder unten bewegt. Wenn ich jetzt zum Beispiel auf das Verlagshaus zurückkomme, konnte ich dort anfangs weder die Schritte, noch Namen, Hauptsprache sowie Huster und Nieser den Personen richtig zuordnen, denn ja, selbst solche Details können, so verrückt es sich anhören mag, entscheidend sein.

Die kleinen Dinge

Das führt mich zu dem Gedanken, dass selbstverständlich auch die Menschen zu einem Großteil dazu beitragen, ob ich mich irgendwo wohlfühle oder nicht. Das Zuhause muss mehr als nur ein Ort sein, es wird auch von äußeren bzw. nur indirekt zum Raum gehörenden Faktoren bestimmt. Genau deshalb muss ein Ort für mich auch belebt aussehen und nicht wie ein kalter Ausstellungsraum in einem Möbelhaus. Er braucht individuelle Dekoration, Pflanzen, Bücher und ein klein wenig gesunde Unordnung. Auch Teppiche, Holzmöbel, gemütliche Sitzgelegenheiten und warme Farben können zu einer Wohlfühl-Atmosphäre beitragen. Im Prinzip fließt alles mit ein, von der Raumgröße und -temperatur über Anzahl der Fenster bis hin zu den individuellen Geräuschen, die durch Hintergrundmusik, die Kaffeemaschine, die Klimaanlage oder das Tippen auf der Tastatur verursacht werden.

Sich breitmachen

Da der Mensch ja nun bekanntlicherweise ein egozentrisches Wesen ist, braucht er, meines Erachtens, zudem etwas, was er „mein“ nennen kann, etwas, worin er sich wiederfindet. Auch hier fängt das schon bei den Details an: als Praktikant wird einem der, wenn auch nur vorübergehend, eigene Platz zugewiesen und schnell spricht man von „seinem“ Stuhl, „seinem“ Telefon und „seinem“ Wasserglas, obschon einem das nicht im strengen Sinne gehört. Sich selbst in Relation zu setzen mit den Dingen, die an Ort und Stelle sind, ist aber nur eine Möglichkeit. Die andere ist die, Gegenstände, die uns tatsächlich gehören, an einen fremden Ort mitzunehmen. Jetzt eben in diesem Augenblick hängt beispielsweise mein Mantel in „meinem“ Büro und mein Studentenfutter liegt auf „meinem“ Schreibtisch. Ich vergleiche das gerne mit einer Beziehung, die erst dann so richtig ernst wird, wenn beide Partner „ihre“ Zahnbürste in der Wohnung der jeweils anderen Person haben.

Kein unbeschriebenes Blatt

Das alles wäre aber noch nicht entscheidend, wenn keine Zeit vergehen würde. Es ist nun zwar nicht die Zeit an sich ausschlaggebend, die wir an ein und demselben Ort verbringen. Vielmehr sind es die Erlebnisse, die zu angehäuften Erinnerungen werden und unser Bild, das wir von einem Raum haben, wesentlich bestimmen. Es ist nicht so, dass wir ständig darüber nachdenken, was sich an einem bestimmten Standort in unserer Gegenwart schon alles abgespielt hat. Dennoch sind kurze Flashbacks nichts Ungewöhnliches, Erlebtes, das plötzlich in uns hochkommt oder, um es mit Prousts Worten zu sagen: ein „souvenir involontaire“; jeder Schritt wie die Madeleine im Tee. Da erinnern wir uns, wie wir mit dieser und jener Person dort gestanden haben, wo wir jetzt gerade stehen, was wer anhatte, was er gerade in den Händen hielt, was er gesagt und wie er dabei ausgesehen hat.

Wir bemächtigen uns eines Raumes also nicht nur, indem wir Besitzanspruch auf das erheben, was sich darin befindet, sondern auch, indem wir ihn, wenn auch nur für uns selbst, in unserem Kopf, mit Leben füllen, als würden wir, wenn ich mir erlauben darf, diese stereotype Metapher zu verwenden, auf eine weiße Leinwand malen.