SHANGHAI
JENS MARX (DPA)

Vor dem 1.000. Formel-1-Rennen: Eine Reise durch die Motorsport-Königsklasse,

Kurz vor dem Start herrscht höchste Anspannung. Es ist anders als heute. Die Formel 1 ist viel gefährlicher - lebensgefährlich. „Wenn man damals am Start stand, musste man praktisch immer damit rechnen, dass einer oder zwei wieder dran sein würden“, erinnert sich Hans Herrmann in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur an die Anfänge der Königsklasse.

Herrmann ist 91 Jahre alt, vor rund 65 Jahren saß er am Steuer eines Silberpfeils. Der Schwabe fuhr in den 1950er Jahren an der Seite eines Juan Manuel Fangio oder Stirling Moss. Die heutigen Autos, mit denen Lewis Hamilton, Sebastian Vettel und der Rest der PS-Auserwählten an diesem Sonntag in Shanghai den 1.000. Grand Prix fahren, sind Herrmann ein bisschen suspekt: zuviel Technik, zuviel Elektronik. Als Hamilton ihm bei einem gemeinsamen PR-Auftritt für Mercedes den Silberpfeil der jüngsten Generationen anbietet, lehnt Herrmann dankend ab. „Da setz‘ ich mich nicht rein, ich weiß doch gar nicht, was ich mit den Knöpfen machen soll“, erzählt Herrmann.

Die Lenkräder heute sind Mini-Computer, die Rennwagen hochkomplex. Fast 70 Jahre und weit über 900 Rennen sind vergangen seit den ersten Formel-1-Runden. Eine Geschichte von Helden und großen Duellen, von Tod und Trauer, von Skandalen, Rekorden und viel Geld.


DER ERSTE SIEGERAm 13. Mai 1950 ist es soweit: Das erste Formel-1-Rennen.
Giuseppe Farina siegt in Silverstone vor seinem italienischen Landsmann Luigi Fagioli und dem Briten Reginald Parnell. Farina krönt sich auch zum ersten Weltmeister. Die Saison 1950 besteht aus sieben Rennen, heute sind es dreimal mehr pro Jahr. Der Sieger bekommt 1950 nicht wie heute 25 Zähler, sondern acht Punkte. Schon damals gehören Monaco, Monza und Spa-Francorchamps zum Rennkalender. Am 29. Juli 1951 feiert die Formel-1-WM auf dem Nürburgring Premiere, neben dem Hockenheimring und der Avus einer von bisher drei deutschen Rennorten.


SPANNUNG AUF KNOPFDRUCK
Spannung wird heute mit den hochgezüchteten Rennwagen auch auf Knopfdruck erzeugt. Die Autos sind es, die vor allem über Sieg und Niederlage entscheiden. „Früher konnte ein hervorragender Fahrer auch mit einem nicht ganz so guten Auto gewinnen. Das ist heute nicht mehr möglich“, meint Herrmann.

Die Autos werden schneller, besser, aber das Überholen schwerer. Also muss nachgeholfen werden wie mit dem DRS – einer beweglichen Klappe am Heckflügel. Ist sie runtergeklappt, verringert sich der Luftwiderstand, der Wagen wird schneller und kann leichter überholen. Allerdings nur in bestimmten Zonen auf der Strecke und wenn der Abstand zum Vordermann maximal eine Sekunde beträgt. Früher saugten sich die Fahrer im Windschatten an und rasten am Vordermann vorbei.

Technisch seien die Autos mittlerweile das Beste, was es gebe, sagt der viermalige Weltmeister Alain Prost. Sie seien aber steril, das Gefühl sei verloren gegangen, betont der Franzose in einem Interview des „Kicker“. Prost gehört in den 1980er und 1990er Jahren zu den Superstars der Szene und prägt eines der legendärsten Stallduelle.


GROssE DUELLE MIT HASSFAKTOR
Es ist die Mutter aller Hassduelle: Prost gegen Ayrton Senna, die Ende der 1980er beide für McLaren fuhren. Sie bekämpfen sich mit allen Mitteln. 1989 schießen sie sich in Japan von der Strecke. Prost wird zum vierten Mal Weltmeister, Senna nach dem Rennen disqualifiziert.

Acht Jahre später rammt Michael Schumacher in Jerez den Kanadier Jacques Villeneuve von der Strecke. Alle Saisonpunkte werden ihm aberkannt, der erste WM-Triumph im Ferrari ist dahin. Schumacher muss noch weitere zwei Jahre warten, 1998 und 1999 triumphiert der Finne Mika Häkkinen im McLaren-Mercedes. Ein fesselnder Zweikampf.


RIVALITÄT MIT HOLLYWOODFAKTOR
Ein Fahrer, der einen Feuerunfall in der „Grünen Hölle“ wie durch ein Wunder überlebt und sechs Wochen später schon wieder im Rennwagen Gas gibt und um die WM mitfährt - Niki Laudas Schicksal wäre eigentlich schon ausreichend für ein Drehbuch. Es geht aber noch besser, wenn der Gegenspieler ein Draufgänger und Playboy ist: James Hunt.

Ein einzigartiges Duell, das unter dem Titel „Rush“ auch von Hollywood verfilmt wird. Lauda wird 1975 Weltmeister. 1976 verunglückt er auf der gefährlichen Nordschleife des Nürburgrings, um die seither die Formel 1 einen weiten Bogen macht.


SCHWARZES WOCHENENDE
Es sind zwei Tage, die die Formel 1 verändern. Am 30. April 1994 verunglückt der Österreicher Roland Ratzenberger in der Qualifikation zum Großen Preis von San Marino tödlich. Einen Tag später stirbt auf der Strecke in Imola auch Senna, die brasilianische Rennikone, der dreimalige Weltmeister.


DIE ÄRA ECCLESTONE
Einer, der all das miterlebt, ist Bernie Ecclestone. In den 1970er Jahren erwirbt der ehemalige Gebrauchtwagenhändler die TV- und Vermarktungsrechte an der Formel 1, eine neue Zeitrechnung beginnt. Die Königsklasse des Motorsports entwickelt sich unter Ecclestone zum Milliarden-Unternehmen, das immer neue Märkte erschließt. Von China bis Abu Dhabi, von Russland bis Texas. Moralische Bedenken liegen Ecclestone dabei bisweilen ziemlich fern. In Ex-Weltverbandschef Max Mosley findet der Brite über viele Jahre einen willigen Partner, mit dem er schlaue und nicht selten auch krumme Deals einfädelt. Im Januar 2017 endet nach Jahrzehnten die Ära Ecclestone, er wird von den neuen US-Besitzern Liberty Media als Geschäftsführer abgesetzt.


VON SKANDALEN UND AFFÄREN
Auch das Münchner Landgericht spielt eine Rolle in der Geschichte der Formel 1. Ecclestone muss sich hier in einem Bestechungsprozess verantworten, im August 2014 wird das Verfahren gegen eine Geldauflage von 100 Millionen US-Dollar ohne Urteil beendet.

An Skandalen ist die Formel-1-Historie reich. 2007 führt die Rennserie sogar einen Agenten-Thriller auf. Der damalige Ferrari-Logistikchef Nigel Stepney schickt dem damaligen McLaren-Ingenieur Mike Coughlan angeblich 780 Seiten geheimer Daten. „Wer die Papiere hatte, wusste alles über Ferrari“, schreibt das Magazin „auto, motor und sport“. Weil Coughlans Frau in einem Copyshop die Papiere offenbar vervielfältigen wollte, fliegt alles auf. McLaren-Fahrer Fernando Alonso sagt gegen seinen eigenen Rennstall aus, der Weltverband verhängte die Rekord-Geldstrafe von 100 Millionen US-Dollar.

Apropos Alonso. In Singapur kracht Nelson Piquet Junior 2008 in die Leitplanken. Auf dem engen Stadtkurs kann das passieren. Durch den Unfall des Brasilianers und die anschließende Safety-Car-Phase kann sein Renault-Teamkollege Alonso das erste Nachtrennen in der asiatischen Metropole gewinnen. Wie sich später herausstellt, war der Unfall fingiert. Die Verantwortlichen: Flavio Briatore, damals Teamchef von Renault und Pat Symonds, der Technikchef. Beide werden gesperrt - und später begnadigt.


VETTELS KAMPF UM DIE SCHUMACHER-
NACHFOLGE
Fangio prägt seine Zeit, Prost, Senna, Schumacher auch. Sebastian Vettel holt von 2010 bis einschließlich 2013 vier Mal den Titel. Wenn Vettel und Hamilton an diesem Sonntag in Shanghai in die Startaufstellung rollen und die Ampeln noch rot leuchten, wird wieder höchste Anspannung herrschen. Aber eine andere als in den Anfangsjahren. „Früher war es sehr hohes Risiko, wenig Gage. Heute ist sehr hohe Gage und kein Risiko“, sagt PS-Veteran Hans Herrmann. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Feststellung.