LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Alles nur fake“, das ist wahrscheinlich der Satz, der im Zusammenhang mit Reality-Shows am Vehementesten geäußert wird. Doch ist dem wirklich so? Gibt es ein Drehbuch, sind Gesprächsverläufe und Entscheidungen vorgegeben, handelt es sich womöglich um Schauspieler, was passiert hinter den Kulissen und wie weit verzerrt der Schnitt die Begebenheiten? Das sind nur einige der vielen Fragen, die man sich stellt.

Nach der Show ist vor der Show

Die sozialen Netzwerke beantworten sie zumindest teilweise und zeigen, dass die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fernsehen immer weiter verwischen. Der Grund ist der, dass solche Sendungen heute weder zeitlich noch räumlich beschränkt sind.

Bereits während der Ausstrahlung spielt sich längst nicht alles auf den Fernsehbildschirmen ab. Die jeweiligen Kandidaten müssen Updates und Fotos über die sozialen Netzwerke posten. Jeder Zuschauer kann sich diese Inhalte ansehen, quasi von überall aus auf der Welt. Und das hört auch nach dem Abschluss der Show nicht auf. Denn jeder will ja wissen, wie es so weitergeht mit dem Kandidaten der Herzen zum Anfassen, ob er der ist, der er vorgibt zu sein, was er trägt und was er isst, wo er einkauft, wo er Sport betreibt und wie er es richtig krachen lässt. Im Falle einer Kuppelshow sollen bitte viele süße Pärchenbilder, intime Details und dramatische Trennungsszenen geliefert werden. Kurz gesagt: Alltag und Privatleben des Reality-Stars werden zu einem Teil der Sendung, von der man nicht mehr sagen kann, wo sie anfängt und wo sie endet. Dieser hat mehr als nur einen Fulltime-Job; Arbeit und Freizeit verschmelzen.

Es bleibt nicht beim „Schauen“

Trotzdem tut der Fan so, als hätte er es dabei nicht mit echten Menschen zu tun, sondern mit Schauspielern oder gar fiktionalen Figuren, denen er, da sie ja als solche anscheinend nicht fühlen, Vorwürfe macht und Ratschläge erteilt. Er ist sich sicher, den Durchblick zu haben und urteilen zu dürfen und das, obwohl er angeblich keine Sekunde glaubt, was er sieht. Ihm werden nur Lügen aufgetischt – und doch kennt er die ganze Wahrheit... Mit diesem in sich widersprüchlichen Denken gedenkt er, jede Instagramträne erklären und mit einem Achselzucken abtun zu können. Er beschimpft die Kandidaten öffentlich, bespottet sie mit Freunden und bittet dann doch um ein Autogramm.

Was er hierbei außer Acht lässt: Er ist längst kein passiver Zuschauer mehr, sondern ein indispensabler Akteur. Ohne ihn wäre die Show nicht möglich. Er lädt die zugehörige App herunter, sieht sich die Werbung an, mit der die Sendung finanziert wird, stimmt für teures Geld am Telefon ab, um absurderweise etwas beeinflussen zu können, was er für ach so nichtig hält, er followt, likt und kommentiert, bis ihm die Daumen abfallen und nimmt sich Zeit, Live- und Youtubevideos anzuschauen. Er kauft die Produkte, die der Kandidat preist und hält die Show am Leben, indem er darüber spricht, natürlich stets in herablassender Weise. Doch er kritisiert, wovon er selbst ein Teil ist, unterscheidet sich in seiner Rolle nur unwesentlich von den Kandidaten.

Selber schuld?

Das dem so ist, wird schön geleugnet, denn die Zuschauer wollen mit ihren geliebten Kandidaten so einiges nicht gemeinsam haben: Gefühlsduselei, Naivität und nicht zu vergessen: Schuld. Sie selbst weisen dies von sich und schieben es den Teilnehmern in die Schuhe. Der Zuschauer von heute will keine Identifikation, sondern Abgrenzung.

Ein Beispiel: Bachelorette Jessica Paszka und ihr David Friedrich sind kein Paar mehr, ebenso wenig wie die Love-Island-Gewinner Elena Miras und Jan Sokolowsky. Die allgemeine Reaktion: Wer vorhabe, sich im Fernsehen zu verlieben, sei schlicht und ergreifend dumm.

Doch dass Gefühle nicht immer erwidert werden, dass sie sehr wohl aber vorgetäuscht werden, um am Geld oder Ruhm des anderen teilzuhaben oder den eigenen körperlichen Bedürfnissen nachzugehen, ist eben kein Phänomen des Fernsehens, sondern eine nackte Tatsache, die uns allen schon widerfahren ist. Wer so tut, als sei er davor bewahrt, verletzt zu werden, und als würde er selbst so ein Verhalten nie und nimmer an den Tag legen, nur, weil er nicht der Bachelor oder die Bachelorette ist, belügt sich selbst - und zwar aus Selbstschutz.

Die Show als Spiegel

Ja, solche Sendungen enthalten mehr Wirklichkeit, als wir uns das eingestehen wollen, jede unserer Reaktionen fließt mit ein. Und genau deshalb können wir als Zuschauer auch etwas über unser eigenes Leben lernen. Vor allem können wir uns, wenn wir Kritik äußern, nicht mehr so einfach aus der Verantwortung ziehen, sondern müssen uns an die eigene Nase fassen. Wenn es an solchen Sendungen etwas zu beanstanden gibt, was genau soll das dann sein, die Sendung selbst, die Kandidaten oder die Unaufrichtigkeit und Überheblichkeit des Zuschauers?

Ja, ich stehe dazu, ich sehe mir solche Sendungen gerne an, hoffe auf einen gewissen Wahrheitsgehalt, identifiziere mich mit den Teilnehmern und respektiere es, dass sie im Dienste meiner Unterhaltung ihre Privatsphäre ein Stück weit aufgeben. Nur um des Spottes Willen würde ich nicht einschalten. Ist das verwerflich?