CHRISTINE MANDY

Im Kampf um die Justitia

Wenn es etwas aus meiner Schulzeit gibt, das ich vermisse, dann ist es die Illusion der absoluten Fairness und Gerechtigkeit, der Glaube daran, dass jeder genau das bekommt, das er verdient. Denn so wirklich haben wir das als Schüler niemals in Frage gestellt. Wir gingen davon aus, dass unsere Noten sich proportional zu unserem Fleiß und unserer Mühe verhielten.

Unsere Lehrer sahen wir als Roboter an, die ihr Privatleben und ihr inneres Wohlbefinden einfach ausblenden konnten, die uns niemals „à la tête du client“ bewerteten, sondern stets einzig und allein unsere Leistung unter die Lupe nahmen. Es war der Gipfel der Objektivität, der wie eine Fata Morgana vor unseren Augen erschien.

Recht gerecht?

Ich war der typisch ekelhafte Streber, der seine Klassenkameraden nicht abschreiben ließ. Ich tat es nicht, um besser zu sein, als die anderen. Ich tat es, weil ich meine Illusion der Gerechtigkeit verteidigen wollte. Es ging mir gegen den Strich, dass jemand sie mit Tricks und Schummeleien zu überlisten versuchte. Es gab dann aber ein Ereignis, welches den anderen vor Augen führte, dass sie im Grunde dasselbe wollten, wie ich. Auf der „Première“ nämlich, strebte einer meiner besten Freunde und Schüler unserer Klasse die Aufnahme an einer „Grande Ecole“ in Paris an. Um das zu erreichen, musste er Klassenbester sein und sich mit einem möglichst großen Abstand zu uns absetzen. Das schien ihm auch zu gelingen und das war dann der Moment, in dem einige von uns die Objektivität in Frage stellten, an die wir uns all die Jahre so sehr geklammert hatten. Es wurde eine Facebookgruppe gegründet, in der die ganze Klasse vertreten war außer ihm und mir, da ich wie gesagt gut mit ihm befreundet war. Dort taten sich alle zusammen wie eine Armee, die im Dienst der Justitia kämpfte, und stellten die Lehrer zur Rede. Zum Glück ohne Erfolg. Denn wenn die Gerechtigkeit das Ziel ist, dürfen die gewählten Mittel nicht ihr Gegenteil sein.

Harte Arbeit reicht nicht aus

Ich kann die Situation bis heute nicht recht beurteilen. Ich weiß nicht, was sich hinter den Kulissen abgespielt hat und es ist für mich auch nicht von Belang. Denn tief in meinem Inneren hatte ich schon immer gewusst, dass dieses scheinbar objektive und faire Benotungssystem nichts anderes ist, als eine Illusion; man könnte auch von einem unrealistischen Simulationsspiel sprechen. Simulationsspiel, weil es uns doch darauf vorbereiten sollte, dass wir im „richtigen Leben“ tagein tagaus bewertet werden und unrealistisch, weil wir die Objektivität dieser außerschulischen Bewertungen schon immer in Zweifel gezogen haben.

Eigentlich wäre es wichtig gewesen, uns aufzuklären und uns deutlich zu machen, dass es die absolute Gerechtigkeit nun eben mal nicht geben kann, nicht in der Schule, nicht in der Arbeitswelt, noch sonst irgendwo. Es gibt Faktoren, die nicht oder nur bedingt in unserer Macht stehen und die trotzdem darüber entscheiden, wo wir einmal stehen werden. Beispielsweise hat jemand, der wichtige Beziehungen pflegt, unter Umständen höhere Aussichten auf eine Arbeitsstelle, als jemand, der diese nicht hat, selbst wenn er besser qualifiziert wäre. Überhaupt spielen Sympathien immer eine Rolle.

Es kommt nun einmal darauf an, gut bei seinen Arbeitskollegen dazustehen, vor allem aber bei den Menschen, die höhergestellt sind, als man selbst. Der „Fiffi“ aller Lehrer hat diesen Umstand einfach schon viel früher für sich zu nutzen gewusst, wenn auch unbewusst. Wer also dieses Spiel, das Spiel der Bewertung, richtig spielen will, der muss mehr mitbringen, als nur Einsatz und Leistung. Man mag sich grün und gelb darüber ärgern und doch bleibt uns am Ende nichts anderes übrig, als seine Regeln zu akzeptieren und nach ihnen zu spielen.

Praktische Ausrede

Es geht mir keineswegs darum, mich darüber zu beklagen. Es stimmt, dass wohl niemand etwas gegen die absolute Gerechtigkeit einzuwenden hätte. Sie ist und bleibt ein erstrebenswertes Ziel. Und doch muss man sich gleichzeitig eingestehen, dass die Realität weitaus spannender ist, gerade weil sie unberechenbar ist. Zudem werden so nicht nur Türen geschlossen, es werden auch welche geöffnet.

Es tun sich neue Möglichkeiten auf, neue Wege, die man einschlagen kann, die ebenso zum Erfolg führen können. Und nur, weil es die absolute Gerechtigkeit nicht geben kann, bedeutet das noch lange nicht, dass das persönliche Verdienst überhaupt nicht mehr von Bedeutung ist. Letztlich führt doch meist kein Weg an der ehrlichen Arbeit vorbei, ganz gleich, welche Faktoren sonst noch mit reinspielen. Wenn wir also jemandem vorwerfen, er sei unrechtmäßig zu etwas gekommen, dann müssen wir uns die Frage stellen, ob wir uns das nicht vielleicht einfach so zurechtgelegt haben. Denn ist es nicht viel leichter, den persönlichen Misserfolg auf die Ungerechtigkeit zu schieben, als ihn uns selber zuzuschreiben?

Zudem: Würden wir uns ein bisschen mehr auf uns selbst fokussieren und uns nicht ständig als in einem Wettkampf stehend betrachten, könnte sich die Frage nach der Unfairness und Ungerechtigkeit sogar erübrigen. Denn existieren beide Begriffe nicht allein in der Situation des Vergleichs? Und wären wir dann nicht ein bisschen zufriedener, wenn wir nur unsere eigenen Erfolge im Sinn hätten, und nicht die der anderen?