SVEN WOHL

Vor einigen Wochen trafen sich mehrere Medienvertreter, darunter Chefredakteure, Radiosprecher und Programmleiter mit einem dämonisch anmutenden Wesen aus einer anderen Dimension. Sie unterschrieben einen Vertrag mit ihrem eigenen Blut - Das Versprechen: Das Sommerloch sollte gefüllt werden. Und siehe da, der Messias, Dieter Bohlen, rollte mit seinem höllischen DSDS-Truck ins Großherzogtum.

Diesen Fiebertraum packte vorige Woche auch unseren Kulturredakteur was ihn leider dazu veranlasste, einen äußerst lesenswerten Leitartikel zur Umgangssprache von Piti und Joao zu schreddern (da haben Sie was verpasst!) und auf den großen roten Knopf auf seinem kultivierten Tisch zu hauen. Die Sirenen schrillten auf, es war wieder so weit, und viele stimmten in das folgende Lied ein: Bohlen kommt, das Großherzogtum ist dem Ende geweiht. Nieder mit der Schrottkultur!

Ein müdes Grinsen macht sich bei mir breit. Meinen roten Knopf kann ich unter der Staubschicht gar nicht mehr finden, denn ich bin mir gewiss, dass auch abseits der Hyperbole der Hyperbohlen uns kein Leid mehr zufügen kann. Wieso? Na, weil das mit der Kultur halt so eine Sache ist...

Niemand ist unkultiviert. Nein, fangen wir nochmal von vorne an: Niemand möchte als unkultiviert gelten und zieht deshalb mit hypothetischer Kreide einen Strich der zwischen dem, was Kultur , und dem, was Schund ist, verläuft und die beiden Kategorien klar trennen soll. Leider ist nie ein Sechsjähriger zugegen, der diesen Menschen erklärt, dass dieser Strich ziemlich krakelig ist und so gerade verläuft, wie die Küste Norwegens.

Ebenfalls verpennt wird die Tatsache, dass es anno 2014 sehr müßig ist, noch zu fragen, was Kultur ist und was nicht, aber wie gesagt, die Grenzziehung ist eine Übung all jener, die sich gerne selbst als möglich kultiviert wissen wollen und das ist, über den Daumen gepeilt, so ziemlich jeder. Drum wäre die Frage, wer zum Teufel eigentlich Kultur macht die gewichtigere. Oder zumindest die interessantere.

Weil die Anzahl der mir zur Verfügung stehen Zeichen begrenzt ist, fasse ich die Antwort kurz: Wir. Irgendwo logisch, nicht? Aber im Ernst, dadurch, dass wir Objekt X besprechen und darüber diskutieren, ob es relevant ist, wird es relevant und mit dieser hübschen Automatik gehört der olle Bohlen mit seinem Truck genau so zur Kultur, wie Goethe, Schiller und all die anderen geleiteten Kulturträger der deutschen Kulturhemisphäre.

Das Tolle daran ist ja, dass so viel diskutiert wird wie noch nie und die Torwächter der Kultur, die diese merkwürdigen Feuilletonseiten in den Wochenzeitungen füllen, die dann doch irgendwie niemand liest, damit ziemlich ausgehebelt werden. Das tut weh, ich weiß, man hat sich ja einen Namen damit gemacht, zu richten und wenn niemand dem Richter zuhört, ist der Richterspruch zweckfreier als der sagenumwobene Kühlschrank bei den Inuit. Die sozialen Medien sind voll mit mal guten, mal schlechten Diskussionen rund um Kultur. Das nennt man nicht Apokalypse.

Man nennt es Demokratie.