PEKING
MM/ DPA

EU-Firmen treten in China kürzer: Drache geht das Feuer aus

Der Wirtschaftsstandort China verliert für Firmen aus Europa an Attraktivität. Das langsamere Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft mache den EU-Unternehmen im Reich der Mitte am meisten zu schaffen, ergab die jährliche Umfrage der EU-Handelskammer über das Geschäftsklima in China, die gestern in Peking vorgelegt wurde.

Ihre pessimistischen Erwartungen für Wachstum und Profitabilität veranlassten die Unternehmen, neue Aktivitäten zurückzustellen und Einsparungen besonders bei der Zahl ihrer Beschäftigten zu planen.

„Die Unternehmen fahren ihre Investitionen zurück und planen Kürzungen“, sagte der Präsident der Europäischen Handelskammer in China, Jörg Wuttke, der Deutschen Presse-Agentur in Peking. Nach dem gedrosselten Wirtschaftswachstum rückten die wachsenden Personalkosten auf Platz zwei der größten Sorgen (24 Prozent), obwohl sie im Vorjahr nicht einmal unter den ersten zehn waren.

Gestiegene Kosten

Hohe Arbeitskosten und rechtliche Unsicherheit sind auch für amerikanische Unternehmen die größten Investitionshemmnisse in China, wie eine ähnliche Umfrage der US-Handelskammer mit dem Unternehmensberater Bain and Company ergab. Mehr als 30 Prozent wollten ihre Investitionen 2015 nicht verstärken. Das ist der höchste Wert seit der globalen Wirtschaftskrise 2009. 29 Prozent beschrieben ihr Engagement in China als nicht profitabel. „Viele Unternehmen warten zurzeit ab, was der Umbau der chinesischen Wirtschaft in der Praxis bedeutet“, sagte Armin Schmiedeberg von Bain and Company. Auch 31 Prozent der europäischen Unternehmen wollen ihre Tätigkeiten in China nicht ausbauen - 6 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr und sogar 25 Punkte mehr als noch 2013.

Viele Unternehmen beklagten, dass sich trotz aller Versprechen der Regierung die Wettbewerbsbedingungen und der Marktzugang nicht verbessert hätten. Auch ließen die Ende 2013 groß angekündigten Wirtschaftsreformen, die dem Markt eine stärkere Rolle einräumen sollen, auf sich warten.

Mehr als die Hälfte der EU-Unternehmen sei zwar noch zuversichtlich, „aber Optimismus über Wachstum und Profitabilität sind auf den bisher tiefsten Stand gefallen“, heißt es in der Studie, die mit dem Unternehmensberater Ronald Berger erstellt wurde. „Während sie gewöhnlich ein halb volles Glas sahen, sehen sie es jetzt halb leer.“ Zumindest 16 Prozent der EU-Firmen in China zögen Investitionen von hier ab, um sich anderen Wachstumsmärkten zuzuwenden, geht aus der Erhebung hervor.

Hohe Luftverschmutzung und geringe Rechtssicherheit

Immer mehr EU-Unternehmen tun sich wegen der hohen Luftverschmutzung in China auch schwer, Personal in das Land zu schicken. 74 Prozent (plus sechs Prozent) nennen den Smog als eines von drei Problemen, Talente anzuwerben. Zudem beeinträchtigt die chinesische Zensur im Internet ihre Innovationsbemühungen

Mehr Rechtsstaatlichkeit - meinen 78 Prozent der Befragten - würden als Wachstumsmotor dienen, doch liegen die Fortschritte hier für 39 Prozent unter den Erwartungen. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) fühlen sich wie im Vorjahr im Vergleich zu chinesischen Unternehmen diskriminiert.

Dem chinesischen Drachen fehlt Feuer. Nach der Kreditlawine, mit der die globale Finanzkrise 2008 bewältigt wurde, hat China jetzt mit Schulden und strukturellen Problemen zu kämpfen. Das alte expansive Wachstumsmodell, das von Anlage-Investitionen und Export getrieben war, funktioniert nicht mehr und hat Überkapazitäten geschaffen. Jetzt wollen Chinas Führer die Wertschöpfungskette hinaufklettern und streben „qualitatives“ statt „blindes Wachstum“ an. Die langsamere Entwicklung wird positiv als „neue Normalität“ beschrieben. „Die „neue Normalität“ ist nicht normal“, meint hingegen der EU-Kammerchef. Es sei eher die alte Normalität: Jüngstes Beispiel waren die Vorschriften im Finanzsektor, wonach chinesische Banken heimische Technologie einsetzen sollten.

Sturm der Entrüstung

Nach einem Sturm internationaler Entrüstung wurden die neuen Regeln vorerst zurückgezogen. Auch verschärfte Visaregeln passen da gar nicht, und den neu vorgelegten Katalog von Industrien, wo Ausländer tätig sein dürfen, kommentiert Wuttke mit den Worten: „Leider hat sich nichts verändert.“. Eine neue Normalität müsste nach Meinung der EU-Handelskammer auch bedeuten, die Wirtschaft mehr hin zum heimischen Konsum oder stärker in den Hochtechnologie-Bereich zu steuern - oder auch Bankrotte zu erlauben. „Aber hier geht es über Rhetorik nicht hinaus.“

Die EU-Unternehmen machen allerdings auch klar: Sollte sich ihr Marktzugang im Reich der Mitte verbessern, würden 60 Prozent ihre Investitionen in China wahrscheinlich ausweiten. Wuttke sagt: „Wir sind bereit, hier mehr zu machen - nur lasst uns auch mitspielen.“