WASHINGTON
MARTIN BIALECKI (DPA)

USA: Donald Trump regiert, und alles ist möglich

In den uneinigen Staaten von Amerika beginnt Donald Trump seine Präsidentschaft nicht für das ganze Land, sondern für seines. Aggressiv und dunkel war seine erste Rede, ohne Mitleid und Maß, an ihrem Feuer können sich nur die Seinen wärmen. Alles ist nun möglich. Volle vier Jahre, vielleicht mehr, vielleicht auch ein Amtsenthebungsverfahren nach kurzer Zeit - das Feld möglicher Verstrickungen von Amt und Geschäft des nun regierenden Moguls ist reich bestellt. Vielleicht wird Trump aber auch Erfolg haben, getragen und befördert von der Sehnsucht im Land, dass sich die Verhältnisse endlich mal richtig ändern mögen.

Vollstrecker des Volkswillens

Die Märkte, von Natur aus amoralisch, freuen sich auf den Neuen. Der Höhenflug des „Trump bump“ gründet seine Rekorde auf die Erwartung von Steuersenkungen für Reiche und Unternehmen sowie ein Feuerwerk der Deregulierung. Irgendwoher aber wird für all die schönen Versprechen das Geld kommen müssen. An der astronomischen Staatsverschuldung kommt auch nicht vorbei, wer sich als Messias sieht. Nach Lage der Dinge werden es nicht die Reichen sein, die unter Trump bezahlen. Gleichwohl bleibt er seinem Image treu: grimmiger Führer einer Revolution, Verlängerung und Vollstrecker des Volkswillens.

Es gibt im Weißen Haus keinen „anderen“ Trump als zuvor. Keine korrigierte Zweitausgabe. Keine Schonbezüge, keine Dämpfer. Auch als Präsident schüttelt er die Fäuste, wedelt mit gereckten Zeigefingern. Die Augen sind schmal und der Mund verkniffen, wenn er seine Botschaften unter sein Volk peitscht. Das jubelt ihm zu, in dankbarer Erwartung.

Es wird in der kommenden Zeit in den USA viel um Wahrnehmung gehen. Die Wirtschaft brummt, die Zahlen des Arbeitsmarktes sind nahe der Vollbeschäftigung. Trump aber erzählt ein schwarzes Märchen vom Gegenteil: Wie Grabsteine stünden entkernte Fabriken im Land herum, und nur er kann es retten. Blutbäder in den Innenstädten, Mord und Totschlag überall - ein ums andere Mal und nun auch im Amt verbiegt Trump die Statistiken, die seit Jahren sinkende Raten nachweisen.

Wem wird das Land glauben? Wer regiert die Wahrnehmung? Welche Wahrheit hat Bestand in einer fragmentierten Medienlandschaft, von Trump lustvoll zersetzt? Viele erwarten, dass er und sein machtvoller Apparat eine eigene Realität erzeugen werden. Unbestritten haben die USA große Probleme, intern wie international. Aber bei seiner Rede wähnte man in der enttäuschten Erwartung eines Aufrufs zur Einigkeit die apokalyptischen Reiter ums Kapitol kommen.

Dieses wuchtige Bild war bewusst erzeugt, der Nationalismus Absicht, das macht auch Trumps Chefstratege Stephen Bannon klar. Offen liegt der Rekurs auf Andrew Jackson zutage, den ersten Vollpopulisten im Weißen Haus (1829-1837). Vielleicht ist die Hoffnung, dass es sich mit Angst leichter regiere, wo es an Erfahrung mangelt und Hunderte wichtigste Stellen im Regierungsapparat offen klaffen.

Trump verlängert die Rhetorik des Straßenwahlkämpfers schnurgerade mitten hinein in das mächtigste Amt der Welt. Man konnte das alles, alles kommen sehen. Trump hat seit dem Sommer 2015 nichts für sich behalten. Wer sich bang seufzend ein „Wird schon werden“ von seinem Antritt erhofft hatte, ein Straffen dieser unebenen Persönlichkeit durch den würdevollen Anzug des Amtes, tat das umsonst. Es sei Zeit, Ungläubigkeit und Staunen zu beenden und sich der kalten Realität zu stellen, meint die „Vanity Fair“.

„Amerika zuerst“, das ist Trumps Nabe. Alles wird um sie kreisen, auch in den internationalen Beziehungen. Vielleicht wählt er seine ideellen Wurzeln bewusst auch in isolationistischen Bemühungen der USA vor dem Zweiten Weltkrieg. Berlin, Moskau und Peking werden Trumps schwammiges Andeuten alter und neuer Allianzen mit Interesse gehört haben. Europas Populisten im Wahljahr 2017 auch. In keinem schärferen Kontrast könnten Barack Obamas helle Utopien zu Trumps schwarzen Dystopien stehen. Trump zeichnet ein Amerika wie von Hieronymus Bosch. Überall Verderben, Abgründe, Schlechtheit. Ein Land der Opfer, kein Wort von dessen Freiheit, seiner Solidarität, seiner Großzügigkeit, seiner Pracht. Nach der Rede fragt man sich: Hat Obama ein anderes Land regiert? Die Analysen des Wahlergebnisses und der mehrfachen Zersplitterung der Gesellschaft legen nahe, irgendwie ja. Trump hat es nun eilig, der Abwahl ein Ausradieren der Politik des Vorgängers folgen zu lassen.

Wer an die Apokalypse glaubt, sehnt sich nach einem Retter

In einem Wahlkampf ohne Beispiel wurde den Amerikanern ein Vexierbild ihres Landes gezeichnet, nach dem kaum noch jemand wusste, ob es die viel gerühmte strahlende Stadt auf dem Hügel noch gibt oder nurmehr einen Vorhof der Hölle. Wer an die Apokalypse glaubt, sehnt sich nach einem Retter. Als den hat Trump, 70, sich aufbauen lassen. Ob ihm Berater und Besänftiger in den Arm fallen, wenn er nun auf den Putz hauen will, kann niemand seriös vorhersagen.

Zuhören tut Trump angeblich nur der Familie. Ausgesucht hat er sich das männlichste, weißeste Kabinett seit Jahren. Es hat die bei weitem geringste Regierungserfahrung, dafür die meisten Ex-Generäle und so viele Milliardäre und Millionäre wie nie, auch Banker und Businessmenschen. Trumps Anti-Establishment-Pläne, bei der Antrittsrede markig wiederholt, kommen nicht nur dem „New York Magazine“ vor diesem Hintergrund bizarr vor.

Er, der ultimative Außenseiter, werde die Macht nun der Kleptokratie Washingtons entreißen und dem darbenden Volk zurückgeben. Unweit seines Hotels war Trump bei dieser wolkigen Drohung umringt von reichsten Menschen, lang gedienten Republikanern und Würdenträgern, von denen der eine oder andere da etwas trocken schluckte. Die Interaktion von Kongress und Weißem Haus verspricht in den kommenden Jahren shakespearehafte Dimensionen. Trump startet mit den allerschlechtesten Beliebtheitswerten, Populismus ist nicht dasselbe wie Popularität. Das andere Amerika, sicher nicht seines und von Trumps Büchsenspannern als „unechtes Amerika“ verunglimpft, versammelte sich am Wochenende auf der Straße. Was für mächtige Bilder. Hier Trumps Schwarzmalen und das Pathos der Macht, dort Hunderttausende, geeint im Protest. Es werden interessante Jahre.