Die derzeitigen Unruhen in der Türkei, die gewaltsame Unterdrückung von Demonstrationen, die sich gegen ein islamisch-konservatives Regime richten, machen uns alle betroffen und rücken ganz nahe an uns heran. Die Türkei hat sich nämlich in Westeuropa zu einem beliebten Urlaubsland gemausert, und ist seit Jahrzehnten unser islamisches Nachbarland, das Mitglied der EU werden will, in den Medien präsent. Die Türkei ist darüber hinaus interessanterweise nicht nur ein „Auswandererland“. Während über Jahrzehnte viele Türken nach Deutschland kamen, um dort zu arbeiten, siedeln sich heutzutage viele Deutsche, sowie auch Osteuropäer in der Türkei an, weil in dem sonnigen Land an der europäisch-asiatischen Grenze die Lebenshaltungskosten noch erschwinglich, das Wetter angenehm und Einreisebestimmungen liberal sind. Aus all diesen Gründen sind sich Türken und EU-Bürger mittlerweile richtig nahe und sympathisch, und dies ist positiv, da es helfen kann, negative und ungerechtfertigte Vorurteile gegenüber modernen Muslimen abzubauen.
Die mittelfristige Integration eines zu 99% muslimischen Landes in die EU würde allgemein der Völkerverständigung zuarbeiten. Während es für die Türkei ein Gewinn wäre, sich den EU-Anforderungen in Sachen Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit anzupassen, und das Land für die EU in diesem Falle eine kulturelle, menschliche und wirtschaftliche Bereicherung werden könnte, ist es wirklich schmerzlich, zu sehen, wie diese Hoffnungen durch das aktuelle gewaltsame Vorgehen der Polizei und des etablierten Regimes zerschlagen werden. Die Vorgehensweise der türkischen Autoritäten ist für ein EU-Bewerberland einfach inakzeptabel. Sie schürt auch das Misstrauen des Westens gegenüber der etablierten türkischen Politik, und auch Mitleid und Solidarität mit all jenen Menschen, die sich für Emanzipation, Meinungsfreiheit, Mitspracherecht und einen modernen europäischen Lebensstil einsetzen. Die aktuellen Auseinandersetzungen in der Türkei erinnern ebenfalls an den arabischen Frühling.
Auch wenn die arabischen Länder sich von Diktaturen befreiten, auch wenn der Lebensstandard in der Türkei wesentlich höher als im arabischen Raum und die türkische Regierung gewählt ist, lässt die Situation der Menschenrechte dort sehr zu wünschen übrig. Die brutale Unterdrückung der kurdischen Minderheit liegt noch nicht allzu lange zurück, und Berichte über Folterungen seitens der Polizei machen Schlagzeilen.
Die aktuellen Demonstranten richten sich dann demgemäß auch gegen einen Staat und eine Regierung, die ihre Versprechen in Sachen Demokratie und Menschenrechte nicht hält. Ein muslimisches Land, das aufbegehrt, macht in Westeuropa immer ein bisschen Angst. Angst, dass die Konservativen hart zurückschlagen, was jetzt schon passiert; Angst, dass radikale Islamisten an Boden gewinnen und nach rückständigen Ordnungen rufen können; Angst, dass die Forderungen der Demonstranten ungehört bleiben, und dass das Land sich in Sachen Demokratie und Menschenrechte wieder in die falsche Richtung entwickeln könnte.


