LUXEMBURG
MARCO MENG

Regierungen sind sauer auf den Stahlkonzern

Während Lakshmi Mittal gestern beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos die Auszeichnung seines Unternehmens als „Sector leader in Sustainability“ entgegennahm, kam es in Brüssel zu Tumulten. Am Donnerstag hatte der Stahlkonzern bekanntgegeben, in der Region Lüttich eine Kokerei und sechs Produktionslinien zu schließen, was rund 1.300 Arbeitsplätze betrifft. Die Gewerkschaften riefen kurz danach zum Streik auf. Auch die belgische Regierung protestierte. Regierungschef Elio Di Rupo erklärte zur Entscheidung des Unternehmens sein „völliges Unverständnis“.

In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres hätten die Werke um Lüttich Verluste von mehr als 200 Millionen Euro gemacht, das sei „auf Dauer nicht möglich“, so der Konzern. ArcelorMittal hat in Luxemburg schon seit längerem die Werke Schifflingen und Rodingen stillgelegt, aber zugesichert, bis 2016 in das Werk Belval 200 Millionen Euro zu investieren. Unter anderem hatte das Unternehmen vergangenes Jahr den Beschäftigten in Luxemburg den Kollektivvertrag gekündigt. Die zweite Verhandlungsrunde über einen neuen Tarifvertrag endete am 22. Januar fast ergebnislos, eine nächste ist für den 5. Februar vorgesehen.

„Europäische Angelegenheit“

Für den LCGB-Gewerkschaftssekretär Charles Hennico zeigen die Vorgänge in Belgien, dass sich ArcelorMittal nicht an die einst gemachten Zusagen halten würde. Insgesamt werfen die Gewerkschaften der ArcelorMittal Geschäftsleitung vor, eine kurzfristige Industriepolitik zu betreiben. Hennico verweist dabei darauf, dass nicht „nur“ die rund 1.300 Arbeiter des ArcelorMittals-Werkes in Lüttich betroffen seien, sondern auch etwa gleich so viele Menschen in Zulieferbetrieben. Er bedauert, dass Frankreich beim Werk Florange erst mit energischen Maßnahmen gedroht, dann aber kleinbeigegeben habe.

„Mittal spielt die einzelnen Länder und Standorte gegeneinander aus“, so Hennico. Darum sei die Stahlindustrie eine Angelegenheit für die Europäische Union. Die Stahlbranche sei keine nationale Angelegenheit. Die Hoffnung des Gewerkschafters scheint Früchte zu tragen: die drei für Wirtschaft zuständigen Minister aus Belgien, Frankreich und Luxemburg sollen gestern den EU-Industriekommissar Antonio Tajani aufgefordert haben, auch Lakshmi Mittal persönlich dazu einzuladen, wenn in Brüssel Mitte Februar über die Lage der europäischen Stahlbranche gesprochen wird.